4. Dezember – Die schlechteste Opernsängerin der Welt

Die Arie der Königin der Nacht aus „Die Zauberflöte“  ist auch vielen Nicht-Operetten-Fans ein Begriff. Die Sopranistin muss dabei in schwindlig hohe Tonlagen rauf. Dementsprechend Talent und Ausbildung ist erforderlich, um Mozarts tonaler Achterbahnfahrt gewachsen zu sein.

Die schiefe Gesangslaufbahn

Wer selbst mal davon geträumt hat, Sängerin zu werden oder vielleicht auch die Ausbildung dazu macht, freut sich über jede Gelegenheit, einen Auftritt zu bekommen. Egal ob Profi oder Amateur, über Publikum freut sich jeder. Stellt euch einmal vor, ihr hättet die Möglichkeit in New York in der Carnegie Hall, einer der größten und bekanntesten Konzerthäuser der Welt aufzutreten. Das ist für Sängerinnen durchaus ein Ritterschlag. Dass dazu nicht immer Talent, sondern auch etwas Show nützlich ist, bewies eine Lady im 20. Jahrhundert: Florence Foster Jenkins

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Florence Foster Jenkins wurde 1886 in Pennysilvania, USA geboren. Die Tochter eines Anwalts lernte früh Klavier. Als junges Mädchen bewarb ihr Vater sie sogar als „Wunderkind“ und sie durfte im Weißen Haus vor dem Präsidenten Hayes spielen. Wie jedes kleine Mädchen träumte Florence von einer Karriere als großartige Sängerin.
Sie wollte Gesang im Ausland studieren. Ihr Vater war aber nicht bereit, diese Ausbildung zu finanzieren.

Florence heiratete 1895 einen Arzt und sollte als Ehefrau ihren Weg gehen.
1902 steckte sie sich aber aufgrund der Untreue ihres Mannes mit der Syphillis an. Wie damals üblich wurde sie mit hochgiftigem Quecksilber behandelt. Diese Therapie ließ ihr alle Haare ausfallen. Sie musste zeitlebens Perücken tragen. Und auch ihr Gehör, sowie ihre Stimme litten unter der medizinischen Kur.

Als im Jahre 1909 Florences Vater starb war sie mit einem Mal eine reiche Erbin, die sich nun ganz auf die Kunst konzentrieren konnte. Sie knüpfte an den Traum ihrer Kindheit an. Sie nahm Gesang- und Klavierstunden und bereitete sich auf eine zweite Karriere als Operndiva vor.

Im gleichen Jahr lernte sie noch St. Clair Bayfield kennen, einen Schauspieler kennen. Schnell verliebten sich die zwei.  Abseits der Romantik litt Florence allerdings teilweise unter Depressionen und der Kinderlosigkeit, die sie wohl der Krankheit und Therapie zu verdanken hatte. Da sie ihre familiäre Aufgabe niemals erfüllen könnte, widmete sie sich noch mehr der Kunst.

Kunstmäzenin und Diva

In Philadelphia begann die exzentrische Lady bald die Musikszene aufzumischen. Sie gründete den Verdi-Club. Rund 400 Mitglieder zählte der Kunstclub zu seinen besten Zeiten. Junge Musiker und aufstrebende Künstler sollten durch ihn die Möglichkeit erhalten, eine professionelle Karriere anzustreben. Florence finanzierte dementsprechend Förderungen. Auch in diversen Frauenvereinigungen zeigte sich die reiche Dame einflussreich. Somit wurde sie auch in New Yorker Kunstkreisen eine gern gesehene Kunstmäzenin, der man das ein oder andere extravagante Auftreten gerne verzieh. Florence ließ sich von eventuellen Kritikern nicht beirren.

1912 feierte sie ihren ersten Gesangsauftritt im Alter von 44 Jahren. Die Zuhörer dürften ihren Ohren nicht getraut haben, denn Florence Foster Jenkins sang zwar selbstbewusst aus voller Brust – aber besonders falsch!
Schnell verbreitete sich die Kunde von der selbsternannten Opernsängerin mit fehlendem Talent. Ihre Konzerte und Auftritte waren sehr gefragt. Florence begann Platten zu produzieren und an Mitglieder des Verdi-Clubs zu verschenken.

Taktvoller Pianist und umlachte Konzerte

In den 20er Jahren lernte Florence den mexikanischen Pianisten Cosmé McCoon kennen. Schnell erkannte sie sein Talent und sie engagierte ihn zu zahlreichen Konzerten und Aufnahmen als Konzertpianist. McCoon bewies dabei viel Geschick, denn er schaffte es blitzschnell Florence fehlendes Taktgefühl und tonale Abstürze am Klavier auszugleichen.
Kritiker verachteten Florence Foster Jenkins Konzerte und Aufnahmen. Aber besonders das allgemeine Volk sah in Florence eine Erheiterung. In Zeiten der Depression und des Krieges munterten die stimmlich katastrophalen Interpretationen von Mozart, Verdi und Co für Stimmung an der Front, den Lazaretten und in den Konzerträumen.
Sie selbst war für die vernichtenden Aussagen nie empfänglich. Das Lachen im Publikum interpretierte sie als Neid von Gesangs-Kollegen. Sie selbst legte Wert auf pompöse Kostüme, die an die Opernszenen erinnern sollten. Dafür wechselte sie auch gerne mehrmals das Kostüm während eines Konzerts.
Nach langem Bitten der Fans wollte Florence im Alter von 76 Jahren einen neuen großen Coup landen: Die Carnegie Hall in New York als Konzertauftritt.

Sogar Bayfield, der nun ihr Manager war, war skeptisch darüber. Aber Florence ließ sich nicht beirren. Sie wollte in der Carnegie- Hall einen Auftritt geben.
Am 25. Oktober 1944 sollte der große Auftritt kommen: Florence Foster Jenkins sang in der Carnegie-Hall in New York das Konzert ihres Lebens

Denkwürdiger Auftritt und gebrochene Herzen

Wochen vorher war das Konzert bereits ausverkauft. Die Tickets kosteten Unsummen auf dem Schwarzmarkt. Schließlich betrat Florence die Bühne und gab ihr Repertoire zum Besten. Das Publikum, welches Florence nicht verletzen wollte hatte schon in diversen anderen Konzerten einen eigenartigen Ritus entwickelt:
Jedes Mal, wenn man sich nicht mehr vor Lachen halten konnte, da es einfach zu komisch wirkte, wenn Florence ihre schiefen Töne in die Welt sang, brach das Publikum in lauten Applaus aus. So sah auch Florence an diesem Abend ein stürmisch applaudierendes Publikum. McCoon, ihr Pianist musste selbst lachen bei den Auftritten, was Florence hinnahm, aber nicht weiter kommentierte. Nach dermaßen viel Jubel wartete die alte Dame auf die Kritiken der Journalisten.

Die New York Times fand es nicht mal wert, über den Abend zu berichten. Sie gab nur an, dass Florence Foster Jenkins in Begleitung von Orchester und Klavier ein Konzert gegeben habe. Keine Meinung, keine Kritik, kein Lob.
Andere Zeitungen waren da weniger freundlich und zerrissen das Konzert in der Luft und attestierten, dass Florence „alles, nur keine Noten“ singen könnte.
Als Florence die Kritiken las, wurde sie wütend und frustriert. Langsam begann ihr zu dämmern, dass das Publikum nicht ihrem Gesang, sondern wohl der unfreiwilligen Komik zu Liebe die Karten gekauft hatte.
Nur 5 Tage nach dem Konzert erlitt Florence einen Herzinfarkt.
Am 26. November 1944,  einen Monat nach dem legendären Auftritt in der Carnegie-Hall starb Florence an den Folgen des Infarkts. Freunde sagten, die Kritiken hätten ihr Herz gebrochen.

Ob Florence Foster Jenkins tatsächlich so unklar darüber im Bilde war, ob naiv oder einfach nur extrovertiert. Die Lady hat auch trotz der schiefen Gesangskarriere Geschichte geschrieben. Viele Menschen kamen dank ihr überhaupt mit klassischer Musik in Berührung. Und ihr berühmtestes Zitat spricht für sich:

„People may say I can’t sing but no one can ever say I didn’t sing“