Musical-Besuch: Gefährten in Berlin

Joey und Albert- Bild: Stage Entertainment

Ich gebe zu, es ist schon eine Woche her, dass ich in diese, etwas andere Show von Stage-Entertainment, gewesen bin. Aber trotzdem lasse ich es mir nicht nehmen, meine Eindrücke zu veröffentlichen, damit ihr dann entscheiden könnt, ob sich ein Besuch lohnt oder nicht.

Der Besuch:

Mitten in Berlin im Theater des Westens wird seit etwa einem halben Jahr aufs Pferd gesetzt. Und das buchstäblich. Die Zuschauer werden mit Gesang und einer Projektion auf dem hinteren Teil der Bühne ins idyllische England 1912 versetzt. Ein kleines Fohlen taucht auf der Bühne auf und erkundet auf langen staksigen Beinen die so große Bühnenwelt. Der Spaß hört je auf, als es sich in einer Versteigerung auf einem Pferdemarkt wiederfindet.
Der Bauer Ted Narracot sollte eigentlich eine Kuh kaufen, um das Feld umzupflügen. Doch sein Stolz lässt es nicht zu, dass sein großer, reicher Bruder das kleine Jagdfohlen ersteigert. In einer rasanten Auktion ersteigert schließlich Ted das Fohlen, ohne es wirklich brauchen zu können.
Schließlich ist es Teds Sohn, Albert, der sich um das Pferd kümmern soll, um es später als ausgewachsenes Tier wieder verkaufen zu können. Er tauft den kleinen Hengst Joey und sie werden beste Freunde.
Doch 1914 klopft der erste Weltkrieg an die Tür und die britische Armee bezahlt für Pferde einen guten Preis. Alberts Vater Ted macht das Unfassbare und verkauft Joey an einen Offizier. Die beiden Freunde werden getrennt und in den Kriegsfronten wechselt Joey zwischen England und Deutschland immer wieder die Front und lernt auch das Pferd Topthorn, ein schwarzer Vollbluthengst kennen.
Doch auch Albert gibt seinen Freund nicht so einfach auf und macht sich unerlaubt auf in die Armee, um in Frankreich nach seinem vierbeinigen Kumpel zu suchen…

Umsetzung und Bühnenbild

Das Theaterstück kommt mit minimalem Bühnenequipment. aus. Da kein Orchester notwendig ist, wurde der Orchestergraben überbaut und bietet so mehr Spielfläche. Zwei Zugänge zwischen den Reihen sind mit einem extra rutschfesten Boden ausgelegt, da Pferde wie Darsteller immer wieder durch die Reihen kommen.
Besonders gefallen hat mir die Idee mit der Lichtprojektion auf eine weiße Leinwand etwas oberhalb des Spielgeschehens. Dort wurden Landschaften, Illustrationen und auch Jahreszahlen eingeblendet, die es so dem Zuschauer mit etwas eigener Fantasie in eine gelungene Vorkriegswelt und bedrückende Kriegsszenen einzutauchen.
Das Herz und natürlich spektakuläre an der Show sind aber die ganzen Tiere, die darin vorkommen. Zu Beginn fliegen Schwalben über den Bauernhof der Familie Narracot, noch an langen Stangen, wie man es etwa von den Vögeln aus „König der Löwen“ kennt. Wesentlich komplexer sind die Pferde:
Drei Schauspieler pro Pferd braucht es, um Joey, Topthorn und Co zum Leben zu erwecken.Die eigens dafür kreierten Figuren sind, anders als z.B. in König der Löwen, sehr detailgenau und haben auch die Physiologie der realen Vorbilder beachtet, weshalb es möglich ist, einen reibungslosen Ablauf der Motorik hinzubekommen. Wenn Joey angaloppiert, sieht es wirklich so aus, als ob ein Pferd aus Fleisch und Blut über die Bühne fliegt.
Ein weiterer, kleiner Bühnenliebling, war die Gans auf dem Grundstück der Narracots. Diese wurde, wie ein Dreirad, von hinten angeschoben und konnte auch mit den Flügeln flattern und sich recht frei bewegen. Mehr als einmal vertreibt sie unliebsame Gäste vom Gelände oder versucht vergebens ins Bauernhaus einzubrechen.

Darsteller und Gesang

Um es vorneweg zu nehmen: „Gefährten“ ist KEIN Musical! Und das ist wohl der Grund, weshalb in der Pause viele fragende Gesichter im Foyer herum standen. Die meisten Zuschauer erwarteten sich wohl mehr Gesang und musikalische Acts. Auch auf der Seite von Stage-Entertainment wird eher unterschwellig vermittelt, dass es sich hierbei um THEATERSTÜCK handelt.
ABER: Es gibt Musik im Hintergrund, welche die Szenen unterstreicht und auch die Darsteller bieten ab und zu gesangliche Einlagen, doch erinnert das eher an ein „Nebenbei-Singen“, während die Arbeit verrichtet wird. Die Texte haben auch nur zweitrangig was mit der aktuellen Handlung zu tun, sondern unterstreichen eher das Gefühl, welches auf der Bühne vorherrscht (z.B. wird ein Lied über das Ernteinfahren gesungen, als Joey den Pflug ziehen soll)

Einzige Ausnahme bildet ein Erzähler, der durch die Geschichte leitet. Er singt eben über die Dinge und Sorgen des Lebens und Alltags, philosophiert darüber, was von einer Zeitepoche überbleibt, wenn alle Zeitzeugen schon tot sind. Die Musik ist walisisch/irisch/britisch angehaucht und erinnert ein bisschen an die traditionelle Folkmusic. Stimmlich konnte er gut überzeugen, leider waren die Gesangspassagen oft nur schwer verständlich, weil nebenbei auch gesprochene Handlungen auf der Bühne passierten. Er diente eben eher als Hintergrund-Musik
Heinz Hönig, spielte Alberts Vater, Ted. Man merkte, dass er in diesem Metier eindeutig die beste Erfahrung hatte. Zwar konnte auch Philipp Lind als Albert gut überzeugen, doch viele Dialoge der Darsteller klangen etwas abgedroschen und hölzern, was wohl aber eher am Libretto, als an der Darstellungskraft liegt.

Als kleines Mädchen Emely stand Lucy van Scheele auf der Bühne. Im Original am Broadway hat das französische Kind eine wesentliche, tragendere Rolle erhalten. Hier ist das Mädchen darauf reduziert worden immer wieder französische Sätze von sich zu geben, was den Eindruck vermittelte, dass es nicht ganz bei vollem Geiste sei. Die Verantwortung liegt aber hier auch beim Kreativ-Team und nicht bei den Kindern. Soweit es möglich war, hat van Scheele eine sehr gute Leistung erbracht. Aber bei 5 Sätzen wie „Regarde, les fleurs (Sieh, die Blumen)“ oder „Joey! Oh Non!“ kann sich kein Schauspieler wirklich entfalten.

Bewertung:

Mit drei Stunden Spielzeit (inkl.Pause) ist das Stück sehr lang. Für meinen Geschmack etwas zu lang. Dramatisch und beeindruckend sind sicherlich die Kriegsszenen auf der Bühne und auch zwischen den Reihen. Immer wieder werden Brandopfer, Verletzte und Tote auf die Bühne getragen, um die Grauen des ersten Weltkrieges nicht auszusparen. Doch auch das Geknalle mit Platzpatronen, sterbende und ausgemergelte Pferde, bei einem muss Albert sogar die Kehle durchschneiden, wirken mit der Zeit etwas langatmig.
Alberts Liebe zu seinem Pferd Joey bleibt ungebrochen. Während seine Kameraden dafür beten, dass sie wieder heil nach Hause kommen um ihre Verlobten, Eltern Freunde, etc. wieder zu sehen, treibt Albert mit seiner Vernarrtheit in Joey auch den letzten Lieutenant in den Wahnsinn und  ich muss sagen, ich hätte ihn wahrscheinlich in einem verlassenen Schützengraben zurück gelassen.
Als Emely von den deutschen Soldaten gefunden und mit Joey mitgenommen wird, fragt sich nicht nur der Offizier, was das Kind auf dem Schlachtfeld zu suchen. Per Zufall treffen sich Albert und das Mädchen auch mitten im Kriegsgeschehen. Emely, die kein Englisch versteht, hält ein totes Pferd vermeintlich für Joey und rennt kreischend von der Bühne… und ward nie mehr gesehen.
Auch die gesanglichen Einlagen wirken manchmal eher störend, als vorantreibend. Mitten im Krieg im Kugelhagel taucht plötzlich der singende Erzähler auf und während in Slow-Motion im Hintergrund Mensch und Pferd fallen, singt er in heiterer, nachdenklicher Weise über das Vorangehen der Jahreszeiten. 

Trotzdem, beeindruckend ist die lebendige Art und Weise der Pferde und auch das Zusammenspiel zwischen den Puppen und den Schauspielern. Das ist sicher eine Meisterleistung, denn wenn Albert auf Joey Ausritte im gestreckten Galopp macht, dürfen die Puppenspieler jeweils 70kg über die Bühne tragen.
Die Geschichte an sich ist trotzdem unterhaltsam und bietet auch einige, lustige Elemente. Dennoch ist sicherlich etwas Vorbildung notwendig, um zu verstehen, warum plötzlich alle Soldaten fröhlich in den Weltkrieg ziehen, als sei es ein Cricketturnier. Die Vorfreude auf etwas Action im Kriegsgebiet herrschte damals wirklich. Denn niemand kannte bisher andere Schlachten, als jene zu Pferd und zu Fuß. Dass Giftgas, Panzer und Flugzeuge zum Einsatz kamen, brachte Schreckensdimensionen, die bis dato unvorstellbar waren. Auch das bringt das Stück sehr gut rüber und man ist am Anfang sogar etwas euphorisch, wenn die Soldaten endlich raus aufs Feld dürfen.
Technisch und visuell hat das Stück einiges auf die Beine gestellt, dass es garantiert lohnt, sich das Stück anzuschauen. Ich bin generell ein Mensch, der gerne auch mal Inszenierungen zwei Mal oder öfters anschaut. Aber nach einmal „Gefährten“ bin ich gesättigt.  

Fazit:
Einen Besuch ist „Gefährten“ auf jeden Fall wert. Allerdings, aufgrund der Pyrotechnik und des ernsten Themas sollten Familien mit Kindern lieber drauf verzichten. Ich empfehle ein Einstiegsalter von 12 Jahren, einfach, weil es doch etwas Geschichtskenntnis und auch Reife braucht, um mit dem Stück mitzukommen. Ein Pferdemusical wie „Apassionata“ oder eine Story wie aus dem Wendy-Heft ist es sicher NICHT. Aber es ist eine Geschichte über die Freundschaft zwischen Mensch und Pferd. 

Die Preise sind nach alter Stage-Gewohnheit eher hoch. Unter der Woche für PK 3 am Rand haben wir 60 Euro pro Ticket gezahlt, aber sehr gut gesehen. Generell sind die Tickets etwas günstiger, als für Musicals. Aber wer mit der ganzen Familie rein will, sollte dementsprechend auf die Finanzierung achten.
Natürlich gibt es auch allerlei Merchandising-Produkte: Programme, Taschen, T-Shirts, Schlüsselbander etc.
Wer sich das Stück anschauen will, sollte sich beeilen. Bereits im Oktober 2014 wird Joey zum letzten Mal gesattelt.

Weitere Infos und Tickets. www.stage-entertainment.de

Punkte: 3/5 – sehenswert, aber kein Theaterklassiker

Kurze Hintergrundinfos:
In Amerika und England hatte „War Horse“, so der Original-Titel, wesentlich mehr Erfolg. Grund dafür ist zum einen, dass das Kinderbuch von Michael Morpugo, an dem sich das Musical orientiert, dort ein richtiger Kinderbuchklassiker ist. 
-2010 kam eine Filmversion von Steven Spielberg heraus. Er verfilmte das Buch für seine Tochter, welche „War Horse“ als Kind vergötterte.
Das Musical hält sich aber genauer an die Original-Story. Im Film geht es, nach Hollywood-Manier, etwas stärker zur Sache und mehr Figuren lassen ihr Leben. 

-Emely, die in Berlin eher unscheinbar ist, hat in der Broadway-Version eine wichtige Rolle. Für Berlin wurden leider einige Passagen gekürzt und so findet sie zwar Joey im Wald, aber hat sonst keine weitere Bedeutung
In London ist die Bühne von „War Horse“ nahezu doppelt so groß.Joey, Topthorn und die anderen Tiere wurden in Südafrika hergestellt von der Handspring Puppet Company aus Bambus, Aluminium, Leder und Papier hergestellt. Nach der Show werden sie übrigens wie an einem Kleiderbügel auf ein Gestell aufgehängt. 
–  Das Geheimnis der Lebendigkeit ist, dass sich die Pferde ständig bewegen, als ob sie atmen. So entsteht das Gefühl, sie würden lebendig.

Wart ihr auch schon in „Gefährten“? Wie hat es euch gefallen? Ich freue mich wie immer über Kommentare, Feedback und natürlich, wenn mein Blog geteilt wird! 
Alles Liebe
Eure Kiwi

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anonym sagt:

    Ich schliesse mich voll und ganz der obigen Meinung an. Für ein Theaterstück fand ich den Preis auch zu teuer und mir war es zu laut und die Kriegsszenen einfach zu lang.. Ein riesen Panzer auf der Bühne war für meine Begriffe vollkommen überflüssig… aber ich war froh es gesehen zu haben..

  2. Gefährten sagt:

    „eine Story wie aus dem Wendy-Heft ist es sicher NICHT“: Schön formuliert und genau so ist es. Ich finde es etwas schwierig, dieses Stück zu bewerten oder mit einem Musical zu vergleichen, es ist eher denke ich als Theaterstück anzusehen. Gefährten überschneidet sich natürlich mit den anspruchsvolleren Musicals wie König der Löwen oder Hinterm Horizont, die neben der reinen Unterhaltung dem Zuschauer auch etwas mitteilen wollen. Natürlich muss sich das alles rechnen und neben einem gewissen Anspruch muss dann das Stück dann auch kompatibel mit vielen sein, sonst könnte es nicht im Theater des Westens laufen. Unter dem Aspekt fand ich das Stück schon sehr gut muss ich sagen, etwas ähnliches hab ich noch nicht gesehen, aber es war schon beeindruckend und ich wurde dadurch mit einem wichtigen Thema in Berührung gebracht, dass ich zuletzt in der Schule auf dem Zettel hatte.

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