Rezension: Musical-Besuch "Phantom der Oper" in Hamburg am 30.05.2014

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Hallo zusammen,
so das Wochenende ist schon laaange um und ich war tatsächlich wieder nach 8 Jahren im Phantom der Oper. Nun, wieder zurück im Alltag, wird es Zeit für eine kleine Rezension zu meinem Lieblingsmusical.

Phantom der Oper- Bild: Daylist.de

Die Handlung

Wenn der Besucher in die Neue Flora eintritt, erwartet ihn schon der erste Glanz von etwas Oper und Musical. Alles in Rot gehalten, kann man sich bestens darauf freuen, wenn man dann endlich in den Zuschauerraum tritt… und dort kommt erst mal eine Ernüchterung. Graue Vorhänge, alles in Leinen gehüllt, die Bühne chaotisch und staubig. Hier geistert das Phantom? Nun das hat seinen Grund….

Denn sobald der Saal sich verfinstert werden wir Teil einer Auktion in einem alten Opernhaus. Wir schreiben nun etwa das Jahr 1910 und beobachten, wie der Auktionator verschiedene Plakate oder Requisiten versteigert. Als mit Objekt 6-6-5 plötzlich eine Spieluhr mit einem Affen darauf zur Versteigerung angeboten wird, kommt plötzlich ein Raunen in die Menge…. Sie wird versteigert an den alten Vincomte de Chagny, der in diesem Objekt wohl mehr sieht, als eine Deko…
Schließlich kommt die Auktion zum größten Versteigerungsobjekt, ein Lüster, der vor vielen Jahren einst von der Operndecke abstürzte und nun wieder hergerichtet wurde… Dieser Lüster wird mit dem sagenumwobenen Phantom der Oper in Verbindung gebracht… und schließlich auch erleuchtet… Wie von Geisterhand erhebt sich das 500kg schwere Monstrum über die Köpfe der Zuschauer…. und auch die alten Leinen und Vorhänge verschwinden, vor einem baut sich eine Opernkulisse auf…..

Wir haben einen Zeitsprung ins Jahr 1881 gemacht. Gerade laufen die Proben zur neuen Oper „Hannibal“, als sich die zwei neuen Direktoren vorstellen. Doch als die Operndiva Carlotta ihre Arie zum Besten geben soll, löst sich eine Requisite und erschlägt die Sängerin fast… Nach dieser Sabotage beschließt Carlotta zu kündigen. Ohne Sopranistin wären aber die Direktoren aufgeschmissen, bis ihnen Madame Giry, ihres Zeichen Ballettlehrerin, die junge Sängerin Christine vorschlägt….
Die Aufführung wird ein voller Erfolg und auch der neue Gönner der Oper, Raoul de Chagny, wohnt dem Erfolg von Christine bei… er kennt sie aus Jugendtagen und ist von ihr bezaubert…
Nach der Aufführung in der Garderobe erzählt Christine ihrer besten Freundin Meg, wer ihr das Singen beigebracht hat. Es sei der Engel der Muse, ein Engel, den ihr Vater nach seinem Tod schicken wollte.
Schon wenig später taucht Raoul in Christines Garderobe auf, und lädt sie zum Essen ein. Während er seinen Mantel holt, meldet sich dann auch plötzlich „der Engel der Muse“: Es ist das Phantom der Oper, welches auch prompt Christine in sein Reich führt.
Doch nachdem Christine verschwunden, Carlotta zurückgekehrt und Raoul sich seiner Liebe zu Christine bewusst wird, fangen die Probleme erst richtig an….
Denn das Phantom sieht sich als alleiniger Herrscher in der Pariser Oper an. Und er hat ein Auge auf die bezaubernde Sängerin geworfen, die in seinem Haus Karriere machen soll. Da kommen ihn die alte Diva und der junge Vincomte gar nicht Recht… und so beginnt es einen Rachefeldzug, bei dem es auch nicht vor Mord zurückschreckt….

Bühnenbild

Wer schon einmal ein Musical von Andrew Lloyd Webber gesehen hat, weiß, dass in seinen Produktionen definitiv nicht an Kulisse gespart wird. Besonders die Musicals aus den 80er Jahren zeigen immer wieder, für was eine Bühne alles benutzt werden kann. Beim Phantom der Oper aber kommt hinzu, dass das Musical nicht nur in einer anderen Epoche spielt, sondern auch gleich drei andere Opernausschnitte mit eingefügt wurden. Und auch dabei wurde an Bühnenrequisite nicht gespart. Schon allein der Kronleuchter, der jede Aufführung in den Zuschauerraum gehoben wird, ist überwältigend. Andere Beispiele sind etwa der Triumphzug des Hannibal mit einem lebensgroßen Elefanten und natürlich der unterirdische See, für den jede Aufführung 200 kg (!) Trockeneis einen künstlichen See bilden. Auch die Kostüme sind mehr als einfache Theaterkunst. Jeder Darsteller hat ein maßgeschneidertes Kostüm. Besonders bei Carlotta und Christine wurde viel Stoff verwendet, um, nach alten originalen Schnitten der 1880er Jahre, Kleider mit Nüre, Korsage und viel Raffung zu fertigen. Jede Perücke wird mit 200.000 Echthaaren geknüpft und immer wieder neu frisiert. 

Die Musik

Jeder, der sich ein bisschen mit Musicals auskennt, erkennt auch die schweren Orgelklänge des Phantoms. Es ist quasi der Earcatcher in dem Stück. Daneben kommen aber auch andere Melodien zum Tragen, wie die „Musik der Nacht“, „Mehr will ich nicht von dir“ oder „Maskenball“.
Mein kleiner Favorit ist übrigens „Primadonna“, ein Lied, in dem sich die Operndirektion nahezu überschlägt in der Huldigung von Carlotta.
Das Phantom der Oper ist übrigens nicht nur ein Musical, das Webber aus Spaß an der Freude schrieb. Er widmete es damals seiner Frau Sarah Brightman, für die er eine einzigartige, romantische Rolle und ein Musical schaffen wollte. Vielleicht liegt deshalb der Zauber in diesen Melodien.
Die Ehe mit Brightman hielt leider nicht, aber die Musik ist dafür über 25 Jahre später genauso prächtig wie damals. 

Die Aufführung

Kommen wir nun zum Wesentlichen: Der Bericht über die Aufführung in Hamburg.
Bevor das Phantom 2013 wieder in die Neue Flora eingezogen ist, mussten „Phans“ (so heißen die Fans vom Phantom) nahezu 8 Jahre warten. Zuletzt spielte das Phantom im Colosseum in Essen. Warum die Stage sich so lange Zeit ließ, ist mir bis heute ein Rätsel, aber das Warten scheint sich wohl gelohnt zu haben, denn mittlerweile wurde das Phantom um ein Jahr verlängert bis 2015.

Am Freitagabend saß ich, zusammen mit meinen Freunden in Reihe 21, was etwa Kategorie IV entspricht. Jedes Ticket kostete ca 70 Euro.
In Hamburg hat die Stage an einigen Punkten etwas geändert. Denn das Orchester wurde von 27 auf 12 Mann geschmälert. Da das Musical gerade von der klassischen Orchestrierung lebt, immerhin ist fast 50% der Musik klassisch angehaucht, finde ich diesen Schnitt sehr schade.
Aber es gibt nichts, was ein guter Soundmeister nicht wettmachen kann, dachte sich wohl die Stage. Denn der Sound und Klang im Theater ist einwandfrei. Ich saß direkt in der Nähe von zwei Lautsprechern und es war weder zu laut noch zu leise.
In der Hauptrolle der Christine Daaé spielte an diesem Abend Lauri Brons. Sie ist die alternierende Besetzung von Christine, in Abwechslung mit Valerie Link. Musikalisch war ihre Performance einwandfrei. Der Sopran hat genügend Farbe, um auch wirklich noch als Opernsängerin durchzugehen. Schauspielerisch setzte Lauri Brons viel auf große Gestiken und konnte man nahm ihr die Verzweiflung und Gefühle wirklich ab. Da sie gebürtige Niederländerin ist, kann man ab und zu den etwas starken Akzent heraushören, was ich aber nicht störend fand. Einziger Eckpunkt war, dass sie für meinen Geschmack hin und wieder etwas zu theatralisch mit den Armen wedelte, was dann leider etwas die sonst perfekte Darbietung einschränkte.

Als Raoul brillierte Nicky Wuchinger und es ist wirklich eine Top-Besetzung mit diesem Mann. Generell ist es schwer, mit dem Phantom zu konkurrieren, und in den einigen Malen, die ich das Phantom davor gesehen habe, hatte ich mich immer gefragt, WAS Christine an dem Vincomte findet. Nicky Wuchinger hat es mir erst gezeigt. Er spielt auf der einen Seite den einfühlsamen, liebevollen Mann, der sich um Christine sorgt, aber zeigte auch den Mut und die Aggression gegenüber seinem Nebenbuhler, der immer wieder das Glück zerstören will. Und so war es dieses Mal das erste Mal für mich, dass ich nachvollziehen konnte, weshalb Christine mit Raoul das Glück findet.

Das Phantom an diesem Abend war die alternierende Besetzung David Arnsperger. Kurz und knackig: Arnsperger ist DAS Phantom schlechthin. Diese Rolle zu besetzen ist garantiert eine Gratwanderung. Denn oft und gerne wurden schon Musicalstars damit besetzt, die an sich eine wunderbare Stimme passen, aber mit dem Phantom sonst nichts gemein haben (z.B. Uwe Kröger in Essen). Das Phantom wird in den Büchern, die dem Musical zugrunde liegen mit „Engelsstimme“ beschrieben, gleichzeitig als eine wahnsinnige, von Hass zerfressene Persönlichkeit. Man merkt, diesen Part zu spielen verlangt mehr ab, als über einen See zu stochern.
David Arnsperger hat mit seiner Farbstimme den perfekten Klang, um nicht nur Christine, sondern auch die Zuschauer in ihren Bann zu locken. Von mehreren Zuschauern hörte ich, dass sie Gänsehaut-Feeling pur hatten. Die „Musik der Nacht“ liebevoll und zärtlich gespielt merkte man schnell, dass das Phantom mehr als nur Gesangslehrer von Christine sein will. In der ersten Hälfte ist die Sympathie eindeutig auf der Seite vom Phantom und man kann den herbeigeführten Kronleuchtersturz fast noch nachvollziehen….
So sehr David Arnsperger die liebevolle, zärtliche und geheimnisvolle Seite im ersten Teil herausarbeitete wandelt sich das Bild im zweiten Akt. Am Schluss, als das Phantom, nun ohne Maske mit ganzer Entstellung, Christine in die Unterwelt entführt zeigt sich der Wahnsinn des Phantoms.
David Arnsperger leistet hier einen Drahtseilakt von einem verzweifelten und verstoßenen Mann, der dann aber geisteskrank und von Hass zerfressen Christines Liebhaber Raoul umbringen will… Der Strudel der Gefühle wird gekonnt rübergebracht und so war es nicht verwunderlich, dass nicht nur ich weinend den Schlussapplaus abwartete.

Nachdem nun über die Hauptdarsteller geredet wurde, sollen auch die Nebenfiguren nicht zu kurz kommen. Theano Makaiou spielte die beste Freundin Meg Giry. Diese Rolle an sich bietet leider nicht so viel Ausbaufähigkeit. Aber die Sängerin hat überzeugend gespielt und auch getanzt. Der Ballett-Cast in dieser Produktion ist meines Erachtens sehr gut und auch die Choreographien stimmig und gut umgesetzt. Meg Girys Mutter, Madame Giry ist die alte Ballettlehrerin. Als geheimnisvolle, strenge Lehrerin gibt sie nicht nur Anweisungen ans Personal, sondern ist auch Mittlerin des Phantoms. Diese Rolle bietet auch verschiedene Facetten. Michaela Christl, welche Madame Giry verkörperte, konnte als strenge Ballettlehrerin überzeugen. Aber das geheimnisvolle und mysteriöse, was diese Dame sonst umgibt, kam leider nicht zum Tragen.
Die beiden Operndirektoren Monsieur Firmin und Monsieur André, gespielt von Anton Rattinger und Guido Gottenbos waren eine reine Freude. Als etwas einfache Herren, trotzdem mit Charme und Herz spielten sie ein lustiges Duo, dem man anmerkt, dass sie mit den Anweisungen des Phantoms gänzlich überfordert sind. Ein bisschen erinnerten mich die beiden an Waldorf und Stettler von den Muppets oder Dick und Doof. Klasse Darbietung!
Wer mir von den Nebenrollen besonders wichtig ist, ist Carlotta Giudiucelli, die Operndiva. An ihr messe ich, ob Christine wirklich das Zeug hat, diese zu übertrumpfen oder ob Carlotta, trotzdem die bessere ist. Ihre Rolle ist nicht nur die einer selbstverliebten Diva, sondern verlangt besonders gesanglich einiges von der Schauspielerin ab. Rachel Anne Moore war hierfür ebenfalls eine Idealbesetzung. Als Carlotta spielt sie mit voller Leidenschaft und sie lebt die Rolle richtig aus. Ihr kolorierter Sopran ist überzeugend und setzt aber auch eine hohe Latte an, an der sich Christine messen muss, die aber für Lauri Brons kein Problem. In diesem Fall sind die zwei Sängerinnen ein echter Glücksgriff.
Raymond Sepe spielte den 1. Tenor Ubaldo Piangi. Schade an dieser Rolle ist, dass sie neben Carlotta einfach verblasst. Das soll auch so sein, aber dafür ist es umso schwieriger, trotzdem noch zur Kenntnis genommen zu werden. Sepe gelingt dies einwandfrei und obwohl Piangi wie Carlottas Schoßhündchen wirkt, erkennt man schnell, dass hinter der Rolle eine große und schöne Stimme liegt.

Fazit:

Es ist schön, dass das Phantom nun auch wieder im deutschsprachigen Raum herumgeistert. Noch dazu in dem Theater, das einst mit dem Phantom der Oper eröffnet wurde. Vielleicht ist es das viele Wasser, vielleicht die alten Gebäude oder die Hamburger Ausstrahlung, aber der Standort ist bestens gewählt worden. Meiner Meinung hat sich die Stage-Entertainment viel zu viel Zeit damit gelassen, es nach 8 Jahren wieder herzuholen. Dafür hoffe und bete ich, dass das Phantom uns nun länger erhalten bleibt und nicht wieder in seinen Katakomben verschwindet.
Die Besetzung wie ich sie hatte, besonders mit David Arnsperger als Phantom, kann ich nur wärmstens empfehlen. Es wird nicht nur ein Bühnenspektakel, sondern es sind gute 3 Stunden, die unter die Haut gehen und eigentlich keinen kalt lassen sollten.
Schade finde ich, dass die Orchestrierung gekürzt worden ist. Bei den doch sehr saftigen Ticketpreisen sollte sich ein ganzes Orchester eigentlich bestens ausgehen.
Das ist leider der einzige Wehrmutstropfen. Die Preisspanne der Tickets geht nämlich von ca 40 Euro bis 130 Euro!!! Das sollte auf jeden Fall berücksichtigt werden, wenn man mit der Familie oder Freunden die Tickets kaufen will.
Auch der Merchandisingstand hat mir leider erst die Schuhe ausgezogen. Das Programm kostete 18 Euro (dafür super Qualität), ein Phantom der Oper Kugelschreiber 30 Euro!!! Es gab auch die Spieluhr mit dem Äffchen zu kaufen, für schlappe 130 Euro…. Kleiner Tipp, die gibt es im Internet um 50 Euro zu erstehen 😉
Genug von der Preispolitik. In meinen Augen finde ich das alternierende Phantom ehrlich gesagt sogar besser als die Erstbesetzung, welche ich noch von Wicked kenne. Mathias Edensborn hat eine sehr helle Stimme, welche für mich nicht überzeugend ist, aber ich habe ihn noch nie live gesehen, deswegen ist das nur eine Vermutung.
Aber für den Rest sei gesagt: Freut euch, wenn David Arnsperger, Lauri Brons und Nicky Wuchinger auf der Besetzungsliste stehen

Punkte: 5/5 – traumhaftes Musical, das auch nach 25 Jahren immer noch verzaubert!

Das wars mit meiner Rezension.
Euch alles Liebe
eure Kiwi

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Phantom sagt:

    Sehe ich genauso. Zur Ergänzung vielleicht noch: Die aktuelle Aufführung in Hamburg ist das Original, also die von Andrew Lloyd Webber genehmigte Version von Phantom der Oper, aber in der Tour-Fassung. Diese ist etwas schmaler ausgelegt, was sich wie erwähnt an der Anzahl der Musiker zeigt oder an manchen Stellen auch am Bühnenbild. Trotzdem ist es nach wie vor ein super Musical mit tollen Darstellern und einer beeindruckenden Inszenierung und einen Besuch allemal wert.

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