Rezension – "Sekretärinnen" im Tiroler Landestheater (21.09.14)

Hallo liebe Leserschaft,

keine halbe Stunde aus dem Theater habe ich mich auch sofort an den Laptop gesetzt, um euch einen frischen und aktuellen Eindruck von der Premiere von „Sekretärinnen“ zu geben. Damit wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen
eure Kiwi

Wahre Liebe zum Rückstelltastenregulatorabstandseinstellstandard

wenn eine Schreibmaschine die Frau in Wallung bringt

Jedes Unternehmen hat mindestens eine. Sie sitzt meist im Vorraum, trägt Bleistiftröcke, wirkt sehr beschäftigt und hält dem Chef den Rücken frei. Aber wer sind sie eigentlich? Jene Frauen, die fast unsichtbar eine undefinierbare Leistung erbringen und doch unersetzlich sind. 
Franz Wittenbrink hat sich in seiner Liederrevue ganz den „Sekretärinnen“ gewidmet. Dabei lässt er kein Klischee aus. Auf 6 Typen kategorisiert hat jede eine eigen Oberflächlichkeit, die sie trotzdem zum Unikum macht: 
Das Urgestein, jene Dame, die offenbar seit Unternehmensgründung im Vorraum sitzt und koordiniert
Die Karrierefrau, die neben Job auch Familie und Kinder unter einem Hut bringt
Das Partygirl, das gerne mal verkatert von der letzten Disco zu spät im Büro antanzt
Die Rockerbraut, die in dunklen Klamotten und schlechter Laune nicht angesprochen werden will
Die Schwangere, die mit Babybauch und zu viel Hormonen den Joballtag durchwirbelt
Die Esoterikerin, die mit Auraspray und Tarotkarten jedem Schicksal entgegentritt. 
Dann gibt es noch den Büropostboten, der zwar unscheinbar ist, aber trotzdem die Frauen ziemlich in Aufregung versetzt. 
Die Handlung, soweit vorhanden, ist relativ einfach: 
Am ersten Morgen erscheinen die sechs Sekretärinnen, aber nicht die Chefsekretärin. Dann klingelt auch noch immer das verdammte rote Telefon auf ihrem Tisch, aber keiner wagt, abzunehmen. 
Schließlich wird jede der Damen einzeln vom buchstäblichen Big Boss vorgeladen. 
Dann gibt es noch den Büropostboten, der auch davon träumt, ohne viel Aufwand die Karriereleiter aufzusteigen…
Viel Dialoge gibt es in dem Stück nicht, die verschiedenen Szenen werden durch 30 bekannte Lieder aus Pop, Schlager, Rock erzählt und zeichnen ein klischeehaftes Bild aus dem Großraumbüro.
Nahezu ausverkauft waren die Kammerspiele bei der Premiere von „Sekretärinnen“. Das von Michael Zimmerman entworfene Bühnenbild führte auch sofort in die anonyme Welt eines Großraumbüros. Übergroße Aktenordner umrahmen 7 Schreibtische. Wenn die namenlosen Sekretärinnen vor dem Chef treten müssen, öffnet sich eine Schiebewand. Den Chef zu sehen bekommt der Zuschauer nie, nur zwei übergroße Beine im Nadelstreifenanzug warten hinter der Wand. 
Unter der musikalischen Leitung von Hansjörg Sofka präsentieren die Sängerinnen ein Liederpotpurry. Dabei wird sich nicht komplett an Franz Wittenbrinks Vorlage gehalten, sondern durchaus mit Tiroler Schmäh und Wiener Liedern ausgeschmückt. Sofka begleitete auch die meisten der Songs am Klavier.

Bühnenbild von Michael D. Zimmermann
Obwohl jede der Figuren durch und durch ein Klischee verkörpert, gewinnt man sie alle im Laufe des Abends lieb. Kristina Cosumano schien als die älteste im Büro die mentale Führung zu übernehmen. War sie stimmlich im ersten Teil noch eher im Hintergrund, legte sie nach der Pause richtig los und erntete eine Menge Applaus.

Kristina Cosumano    Bild:TLT

Auch die anderen Sängerinnen brachten gesanglich überzeugend rüber, was ihre Herzenswünsche und Probleme sind.
Da ist etwa die ewige Esoterikerin (Ruth Müller), die sich mal einen richtigen Neandertaler als Mann wünscht. Diesen Wunsch schienen wohl auch so einige andere Frauen im Publikum zu teilen.

Martina Dähne als Karrierefrau hat nicht nur im Büro sondern auch als Hausfrau und Mutter einige Herausfoderungen. Stimmlich wirkte sie zunächst nicht überzeugend. Ihre Rolle ging neben charakterstärkeren Figuren leider etwas unter. Viel Jubel und spontanen Applaus gab es für ihr im lupenreinen Hochdeutsch vorgetragenes „Die Reblaus“. Im Original von Hans Moser gesungen war ihre Version eindeutig ein Highlight des Abends.

 Als Sekretärin feierte Verena Pötzl  Theaterdebut . Die Starmania-Gewinnerin und Tiroler Sängerin gab sich als rockige Bürodame. In Lederkluft, mit Musikmagazin am Schreibtisch und einer ziemlich schlechten Laune, sorgte die Sängerin trotzdem für Stimmung.
Gerade ihre absolut leidenschaftliche Liebeserklärung an die Schreibmaschine sorgte schon für Gänsehaut.

Verena Pötzl  Bild: TLT

Mit Power in der Stimme und viel Leidenschaft beim Schauspiel waren  Cathérine Lanser und Henriette Schreiner zwei beeindruckende Figuren.
Lanser als Partyluder sorgte für den einen oder anderen Lacher. Besonders bei Ensemblesongs stach ihre Rolle immer wieder durch gute Gestik und Mimik hervor.
Henriette Schreiner als junges, hochschwangeres Mädchen ist der Sonnenschein der wildtippenden Frauentruppen. Sie sieht in allem das Gute und bringt dies auch mit viel Farbe und Klang in der Stimme bis in die letzte Reihe rüber.

Trotz aller Unterschiede sind die Sekretärinnen aber füreinander da. Kein Wunder, dass am Ende die Damen singen: „We are Family“

Natürlich brauchen die Frauen auch etwas, was sie anhimmeln können. In diesem Fall ist es der Bürobote, gespielt von Daniel Raschinsky. Mit dem Song „Se bastasse una bella canzone“ verdreht er nicht nur den Mädels auf der Bühne den Kopf. In der ersten Hälfte wirkte Raschinsky streckenweise zu blass, sein Schauspiel lieblos. Stimmlich konnte er dafür gänzlich überzeugen. Nach der Pause brachte er umso mehr Feeling und Testosteron in die Kammerspiele.

Insgesamt brachte das Ensemble einen schönen und gelungenen Abend über die Bühne, der mit viel Zwischenapplaus und Standing Ovations geehrt wurde. Regisseurin Ursulas Lysse hat damit ein wirklich schönen Liederabend in die Kammerspiele geholt.
Der erste Teil des Abends war bereits sehr humorvoll und lustig. Doch nach der Pause kamen die Sänger durch die Lieder und auch durch besseres Schauspiel erst richtig in Fahrt.

Das Stück hat keinen Tiefgang, aber dafür viel Spaß und Leichtigkeit. Die Figuren sind dermaßen oberflächlich, dass ihre Details  wiederum schon etwas Einzigartiges rüberbringen.
Die Schauspieler beleben ihre Rollen mit viel Gefühl, Leidenschaft und einer großen Portion Humor.
Zwar weiß man am Ende immer noch nicht, was genau Sekretärinnen jetzt eigentlich machen,, aber man merkt: Sie sind unverzichtbar!

Ruth Müller, Martina Dähne, Kristina Cosumano, Verena Pötzl, Cathérine Lanser, Henriette Schreiner    Bild: TLT
Daniel Raschinsky, Ensemble    Bild: TLT

Fazit: 4/5 Punkten – ein heiterer Theaterabend mit viel Gefühl und tollen Songs! 

Im Oktober sind noch einige Termine. Weitere Infos unter

www.landestheater..at 

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