Rezension: Vollmondbetrachtungen im Freien Theater Innsbruck

Hallo, liebe Leser,
nach langer Pause habe ich es nun mal wieder geschafft, ein neues Stück zu besuchen. Diesmal hab ich mich mal wieder ins Off-Theater gewagt. Um genau zu sein, war ich im Freien Theater Innsbruck.
Dort hat die Gruppe Theater Melone das zeitgenössische Stück „Vollmondbetrachtungen“ des luxemburgischen Autors Jean-Paul Mae als Österreichische Erstaufführung auf die Bühne gebracht.
Meine Eindrücke und auch etwas Background-Info könnt ihr nun lesen.



Inhalt: 


Sportlehrer Meyer, kurz Kollege Meyer (Albert Friedl) ist ein militanter Verfechter der disziplinierten Normalität: Ob Turnübung oder Weltansichten, alles hat in seinem Universum seinen festen Platz und für Unsicherheiten hat er seine Trillerpfeife, mit der den „Pfiff Gottes“ lautstark in die Welt tragen will.
Umso suspekter kommt ihm sein Kollege Cornelius Wagner (Nikolaus Firmkranz) vor, von dem es einige Gerüchte gibt. Er will diesen Umstand der Schuldirektorin „Fruau Direktor“ (Gudrun Tielsch) näherbringen. Die wiederum hat mit ihrem Sohn Andreas zu tun, der zu Beginn der Geschichte 20 Jahre alt wird und sich so gar nicht nach dem Willen der Mutter richtet.
Andreas und seine Mutter geraten in Streit und er flüchtet hinaus in die Dunkelheit, nur der Vollmond leuchtet am Himmel. Be
i einer Parkbank trifft er Conny – Cornelius Wagner in Frauenkleidern – oder Conny im Körper des Cornelius Wagner, die den Vollmond betrachtet. Conny und Andreas kommen ins Gespräch. Cornelius Wagner fühlt sich als Frau, ist im falschen Körper.
Kurz darauf findet Kollege Meyer auf der Parkbank vor und entlarvt ihn. Geschockt von dem Anblick bietet er seinem Kollegen an, ihn zu „heilen“ und für ihn zu  beten. Wagner lehnt ab und geht.
Kollege Meyer wendet sich wieder an die Frau Direktor, die völlig überfordert davon ist, dass ihr Sohn sie als Mutter abweist und sie nicht an ihn heran lässt. Dabei meint sie es doch nur gut in ihm. Ihren Kummer
darüber ertränkt sie in Cognak und findet an Kollege Meyer erotischen Gefallen. Kollege Meyer stürzt sich in Gebete über diese groteske Situation und beginnt, sich im Namen Gottes selbst zu geißeln.
Frau Direktor bestellt ihn regelmäßig zu sich, wo er in SM-Manier als ihr Diener seltsamen erotischen Leidenschaften nachgeht – und trotzdem Kollege Wagner weiterhin verachtet und ihn öffentlich bloßstellen will.
In weiteren Vollmond-Nächten trifft Andreas immer wieder auf Conny. Sie philosophieren über Homosexualität, Weiblichkeit und den inneren Verlangen. Als Andreas von Conny nach Hause gebracht wird, treffen sie dort auf seine Mutter und Kollege Meyer, alle sind jeweils entsetzt von den Aktivitäten des anderen.
Doch Conny fasst sich ein Herz und b
eschließt, künftig auch als Frau an der Schule zu erscheinen. Die Frau Direktor „ist ja an sich ein sehr offener Mensch“, aber will dieses Outing nicht an der öffentlichen Schule dulden. Kollege Meyer versucht nach wie vor verzweifelt mit Trillerpfeife und lauten Argumenten die alte Disziplin und Ordnung wiederherzustellen.In einer letzten Vollmondnacht treffen sich Andreas und Conny nochmal. Sie will sich endgültig in eine Frau operieren lassen, Andreas ist verunsichert, was er wirklich empfindet. Am Ende bleibt die große Frage, was nun normal ist und was nicht….

Rezension: 



Mit „Vollmondbetrachtungen“ hat sich Regisseur Florian Hackspiel an ein Stück heran getraut, dass bestens für eine kleinere Bühne geeignet ist. Im Freien Theater Innsbruck waren vielleicht 30 Zuschauer, aber gerade das hat die Handlung näher gebracht. Mit dem Thema Transgender werden dabei mehrere Tabus angesprochen. Die Figuren wirken teils überzeichnet und der Lärmpegel geht mehr als einmal über das Erträgliche. Das Tragikkomische ist, dass ausgerechnet Conny, die als abnormal und pervers abgestempelte Figur, offenbar noch die Normalste in der ganzen Geschichte ist.
Albert Friedl als Sportlehrer Kollege Meyer erinnert sicherlich so einige an den alten Sportunterricht aus der Schule. Als pseudomoralische Instanz versucht er regelmäßig in religiöser Verzweiflung irgendeine Art von Ordnung herzustellen. Friedl spielt hervorragend mit den Abgründen und Weltansichten seiner Figur.
Gudrun Tielsch als Frau Direktor ist während des gesamten Stücks an ihren Bürostuhl verhaftet. An ihren Sohn Andreas kommt sie nicht heran, streckt ihre Arme aus, aber erreichen kann sie nichts und aus dem „Gut meinen“ für den Sohn wird eine nahezu erdrückende Mutterliebe. Anders verhält es sich gegenüber Kollege Meyer bei dem sie schnell Zepter und Pfeife übernimmt und ansagt, was er braucht. Ihren Platz verlassen kann und will sie dabei nicht.

Larius Phoulivong als Andreas ist der etwas verunsicherte Sohn, der nicht so richtig weiß, wo seine Position in dem Drama eigentlich ist. Von Mutterliebe vertrieben und ohne Vater (einzige Erinnerung ist eine Mundharmonika, die er schon nahezu liebevoll spielt) sucht er Antworten auf Fragen, die er eigentlich noch gar nicht gestellt hat. Phoulivong hat eine besondere Bühnenpräsenz und spielt seine Rolle sensibel und verunsichert aber ebenso wütend auf seine Mitmenschen. Die Fragen kann er im Stück übrigens nicht finden – er muss die Bühne verlassen. Andreas ist ein etwas blasser Charakter, der erst gegen Ende etwas Farbe bekommt. 

Nikolaus Firmkranz als Cornelius Wagner/Conny ist eine ruhige Figur, die zwischen den Wutausbrüchen Meyers und der Verzweiflung der Frau Direktor der angenehme Ruhepol ist. Er ist an sich eine selbstbestimmte Person, der allerdings im Schatten Nacht sich in Cony verwandelt. Gegenüber Andreas ist Conny eine selbstbewusste Frau, die mit eigenen Gedanken und Träumen Andreas helfen will seinen Weg zu finden. Gegenüber Kollege Meyer kommt die zerbrechliche und verletzliche Seite zum Vorschein, denen sich Conny aber zum Schluss stellt. Seltsamerweise ist sie „Normalste“ und nachvollziehbarste Figur in dem ganzen Stück.
Insgesamt stellt Vollmondbetrachtungen eine zentrale Frage: Was ist normal? Das Stück war es auf jeden Fall nicht, aber das ist auch nicht der Anspruch daran. Am Ende bleiben Fragen offen, die der Zuschauer für sich beantworten muss. Insgesamt dauerte das Drama 100 Minuten ohne Pause. Gegen Ende ist mir allerdings alles etwas in die Länge gezogen vorgekommen. Die Fragen und Probleme haben sich wiederholt und man muss merken, dass es keine ideale Lösung, kein Happy End in der Thematik gibt. Jeder hat wahrscheinlich seine eigenen Abnormalitäten und „der Pfiff Gottes“ wird da wohl keine Einigung reinbringen.
Am besten kann es noch Conny auf den Punkt bringen. „Gott ist Liebe“

Fazit

„Vollmondbetrachtung“ ist in Österreichischer Erstaufführung auf die Bühne gebracht worden. Deswegen ist es schade, dass das Stück von dem Punkt nicht die mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, die es eigentlich verdient hat. Die Schauspieler bringen alle eine super Leistung auf der Bühne. Was wohl auch daran liegt, dass alle Darsteller gut ausgebildete erfahrene Schauspieler sind, die eben in dem Projekt „Theater Melone“ ein Kleinod auf die Tiroler Bühne gebracht haben. Das Freie Theater Innsbruck ist ebenfalls ein kleines Theater, was aber ein idealer Schauplatz ist.
Mit der Transgender-Problematik wird ebenfalls ein Thema behandelt, mit dem sich die Gesellschaft sonst nur zu gerne stereotypisch auseinandersetzt. Dementsprechend sind die Figuren auch angesiedelt und haben trotzdem ironischerweise Tiefgang.
Wenn auch für meinen Geschmack eine Spur zu lang hat Hackspiel mit Vollmondbetrachtungen eine gelunges Bühnenstück auf die Bühne gebracht.
Leider lief heute schon die letzte Vorstellung, man darf gespannt sein, was nächstes Jahr präsentiert wird.Wertung:     4/5 Punkte – ganz nach dem Slogan von Theater Melone: Zeitgenössisches Theater frisch serviert!

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