Kunst-Kultur-Kommerz: Was ist los bei Stage Entertainment?

Der Musical-Konzern Stage Entertainment schließt sein Theater am Potsdamer Platz in Berlin. Diese Meldung hatte einen gewissen Knalleffekt in der Szene. Am 21.01.2015 folgte die nächste Hiobs-Botschaft. Die eigene Musicalschule „Joop-van-den-Ende-Academy“ schließt ebenfalls mit Ende des Schuljahres seine Pforten, neue Schüler werden nicht mehr aufgenommen. Fans sind verunsichert und obwohl die Stage Entertainment normalerweise mit guter und schneller Pressearbeit reagiert, hüllt sich das Unternehmen derzeit in Schweigen.

Hinterm Horizont geht’s erst mal nicht weiter

Noch vor ziemlich genau einem Jahr sendete die Stage Entertainment (SE) eine Pressemeldung, in der sie sich über den fulminanten Erfolg des Musicals „Hinterm Horizont“, das im Theater am Potsdamer Platz gespielt wird, freut.
„Mit zwei Millionen verkauften Karten ist „Hinterm Horizont“ Berlins größter Musical-Erfolg aller Zeiten“, jubelte man damals noch. Tatsächlich ging das Stück in die 5 Verlängerung und wurde 4 Jahre alt. Dieser Zustand ist bei den nahezu jährlichen Spielstättenwechsel anderer Produktionen wirklich bemerkenswert. Das Stück mit DDR-Geschichte und Songs von Udo Lindenberg ist ein Publikumsmagnet und erfreut sich Beliebtheit. Da es dazu am Ort des Geschehens aufgeführt wird, hatte Stage mit dieser Eigenproduktion tatsächlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Umso überraschender kam dann die Mitteilung am 3. Dezember 2015, dass mit Ende der laufenden Saison, im August 2016 die Mauer ein letztes Mal auf der Bühne fällt. Die Pressemitteilung betonte aber nach wie vor, dass das Stück das Erfolgreichste in Berlin war und dass auch die Hauptdarsteller teilweise seit Uraufführung ihre Kunst zum Besten geben. Auch der 5. Geburtstag am 13. Januar 2016 sei ja eigentlich ein Grund zum feiern.

Dass ein Stück den Standort wechselt oder ausläuft ist an sich keine Neuigkeit. Und so ging das Rätselraten in diversen Foren und Gruppen los, was kommt als nächstes nach Berlin? Wohin geht, wenn überhaupt, „Hinterm Horizont“? Die Wunschliste der Fans ist endlos: Wicked, Miss Saigon, Sunset Boulevard, was komplett Neues…

Seit 20. Januar wissen wir: GAR NIX KOMMT MEHR!
Laut Berichten der Berliner Zeitung und rbb aktuell wird das Theater ganz dicht gemacht. Der Betrieb werfe zu wenig Gewinne ab, um für das Unternehmen weiter tragbar zu sein. Dementsprechend komme auch keine neue Produktion nach Berlin. Die 150 Mitarbeiter, die im Haus angestellt sind, bangen nun um ihre Jobs. Einige Verträge werden aufgelöst, eventuell können ein paar intern wechseln, der Rest wird sich wohl oder übel auf Jobsuche machen müssen.

Generell macht diese Entscheidung seitens der Stage Entertainment ratlos. Nicht nur, dass wieder eine Produktionsstätte aufgegeben wird (bereits 2011 wurde das Colosseum in Essen abgestoßen) sondern auch die plötzliche Meldung darüber, dass ein Standort eigentlich im Herzen der Hauptstadt unrentabel sein soll. Zudem hat der Konzert noch ein kleines Problem: Der Mietvertrag wurde erst vor kurzem verlängert – bis 2022.
Was nun mit dem Gebäude passieren soll, ist weit hinterm Horizont noch nicht ersichtlich.

No Auditions this year!

Ein wirklich kleiner Schock war dann aber die heutige (21.01.2016) Meldung, dass auch die unternehmenseigene 2003 gegründete Musicalschule „Joop van den Ende Academy“ (benannt nach dem Gründer der Stage Entertainment) nicht mehr fortgeführt wird.

Geben wir zu, als kleiner Musicalfreak, der einmal den Traum hatte auf der großen Bühne zu stehen… wer hat nicht, wenn er mal in Hamburg war, einen kleinen Abstecher in die Speicherstadt gemacht, um diese Schule wenigstens mal von außen sehen zu können.
– Ich oute mich- ich hab’s getan! 😉

Noch am Morgen stand auf der Webseite der Ausbildungsstätte, dass mit Ende des Schuljahres der Betrieb eingestellt wird und damit keine Aufnahmeprüfungen mehr gemacht werden. Der oberste Jahrgang wird noch seine Abschlussprüfung machen können, das sind derzeit 6 Studenten, für die anderen 18 Studenten wird derzeit nach Optionen gesucht. Von vorgezogenen Prüfungen, eventuellen weiterführenden Unterricht oder Übernahme auf andere Musicalschulen ist die Rede. Wie die Lösung endgültig aussieht, steht in den Sternen.
Nach dieser Sparmaßnahme klingeln bei Fans und Betroffenen natürlich die Alarmglocken.

Kunst und Kommerz – die Quadratur des Kreises

In den letzten Jahren hat die Stage Entertainment immer mehr Kritik von den Fans hinnehmen müssen. Die Ticketpreise sind teilweise in astronomische Höhen geschnellt, neue Kategorien wurden erfunden (PK 0 = noch besser als PK 1). Gleichzeitig hat subjektiv gesehen für die Zuschauer das Qualitätserlebnis abgenommen. Wer auf der Facebook-Seite der Stage Entertainment vorbeischaut, liest so manche Beschwerde über ein schlechtes Klangerlebnis oder eine unpassende Cast.
Zugegeben natürlich ist der Musicalbesuch für jedermann eine eigene Wahrnehmung und nicht jede Kritik entspricht der Wahrheit. Allerdings ist es auffallend, dass bei Stage in letzter Zeit die Orchester und teilweise auch die Cast je nach Produktion geschmälert wurde. Das alles versuchte der Event-Riese durch bessere Technik und opulentere Shows wett zu machen. Die Rechnung geht nur teilweise auf. Bei Phantom der Oper etwa ist das Orchester auf magere 14 Mann gekürzt worden. Zum Vergleich, in der früheren Version bis 2006 spielten noch 29 Musiker im Graben auf. Auch bei Tarzan wurde von Hamburg nach Stuttgart von 17 auf 7 Musiker gekürzt. Der Rest wurde entweder mit Sounds aus der Konserve bzw. Keyboard oder eben einer neuen Lautsprechertechnik kompensiert. Bei Phantom der Oper hat dies noch Lizenzgründe: Die jetzige Orchester-Version entspricht einer Tour-Orchestrierung. Plump formuliert: Die Stage Entertainment serviert eine musikalische Tour-Version zu Preisen einer festen Produktion in Oberhausen.

Doch die Stage muss Gewinne erzielen. Anders als viele staatliche Theater erhält der Konzern keine Subventionen von Bund und Länder. Zum Vergleich: Die Bayreuther Festspiele, die weltberühmt sind und bereits auf 10 Jahre im Voraus ausverkauft, erhalten jährlich 7 Millionen Euro Zuschuss vom Freistaat Bayern. Sonst könnte der Betrieb gar nicht aufrecht erhalten werden. Trotz der horrend teuren Kartenpreise.

Während also Theater wie das Bayreuther Festspielhaus bereits im Vorfeld ihre Finanzierung erhalten, muss die Stage Entertainment erst mal ordentlich investieren. Bei Aladdin waren es ein höherer Millionenbetrag, der reingesteckt wurde, ehe überhaupt die Premiere über die Bühne ging.

Die Stage Entertainment muss damit eine schwierige Aufgabe bewältigen: Kultur und Kunst verkaufen und nebenbei schwarze Zahlen schreiben.

Die Musical-Branche, ein Hochrisiko-Spiel

Genau diese Aufgabe sorgt derzeit für Kopfzerbrechen bei den Geschäftsführern. Als Anfang der 2000er Jahre die Stella AG pleite ging, die damals die ersten Musicals nach Deutschland brachte und auch die meisten Häuser erbaute, übernahm die Stage Entertainment, damals noch Stage Holding, einige der Spielhäuser und rettete damit eigentlich den deutschen Musicalmarkt. Joop van den Ende, der den Konzern in den Niederlanden gegründet hatte, war es ein Anliegen, den Zuschauern Neues und Unterhaltung zu bieten. Er steckte für dafür einiges seines beträchtlichen Privatvermögens in den Aufbau dieser Branche.

Tatsächlich können sich die Zahlen im deutschsprachigen Raum sehen lassen. Für 2013/2014 lag der Umsatz für die Tochtergesellschaft Stage Entertainment Germany bei 333 Millionen Euro. Für das Geschäftsjahr 2014/15 wurden sogar noch 30 Millionen Euro mehr Umsatz erwartet, sagte die Geschäftsführerin Ursula Neuss gegenüber der Wirtschafts Woche. Der Gewinn lag vor Steuern 2013 bei etwa 29 Millionen Euro.

Der einstige Gründer von Stage Entertainment Joop van den Ende hat nun mit dem Alter um die 70 Jahre beschlossen, sich gänzlich aus dem 1998 gegründeten Unternehmen zurückzuziehen. 60 % seiner Anteile verkaufte er an den Finanzinvestor CVC Capital Partners mit Steuersitz in Luxemburg. Diesen privaten Finanzinvestor gehört übrigens auch das Unternehmen Samsonite- diese überteuerten schicken Reisekoffer ;).

Während Joop van den Ende seinerzeit noch davon sprach, dass er der deutschen „Kultur etwas zurückgeben will“ und romantisch seine Vision der Stage beschrieb, zählt für CVC vor allem eins:
SOLL und HABEN

Das ist wie für jeden Eigentümer, der ein gesundes Unternehmen auf dem Markt haben möchte, selbstverständlich. Auch bei Stage Entertainment wird derzeit kräftig aufgeräumt. Denn während in Deutschland die Zahlen bei den Tochtergesellschaften stimmen, schaut es in anderen Ländern weniger rosig aus. Denn unter anderem hat die Stage auch in Italien, Frankreich, England und den USA Produktionen am Laufen. Dort haben sich mittlerweile aber insgesamt Passiva von rund 19 Millionen Euro aufgetürmt. Da Stage Entertainment ein internationales Unternehmen und Eigentum der CVC ist, wird deshalb auch der Gewinn aus Deutschland dahin geschoben, wo er bitter benötigt wird: Im Ausland bei den weniger erfolgreichen Standorten.

Damit dieses Schicksal nun auch nicht in Deutschland droht, macht deshalb der Eigentümer kurzen Prozess und trennt sich von Spielstätten oder Produktionen, die den hohen Gewinnerwartungen nicht gerecht werden oder werden können. Außerdem wird intern neu strukturiert, weshalb am Ende von den weltweit rund 2500 Mitarbeitern wohl nochmals bis zu 300 Arbeitnehmer ihre Stellen verlieren werden.

Damit wurde auch das Theater am Potsdamer Platz ein Opfer dieser Sparpolitik. Denn, wer die Pressemitteilung aufmerksam liest wird merken: Von Verlusten ist keine Rede. Nur der Gewinn entspricht nicht den Erwartungen.

Im Endeffekt bleibt jede neue Produktion ein hohes Risiko für die Stage Entertainment. Denn auch Showrunner, wie das Phantom der Oper, Disney-Produktionen ala Tarzan oder Aladdin oder eben auch Eigenproduktionen wie Rocky oder Hinterm Horizont müssen erst mit Millionenbeträgen aufgestellt werden. Viel Puffer, um Flops abzufangen bleibt nicht übrig. Bereits ein oder zwei solcher Fehlstarts bedrohen die Existenz. Ein solcher Flop war übrigens das Stück „Gefährten“. Da es weder Musical noch reines Sprechtheater war und generell das gesamte Setting nicht ganz stimmig war (siehe meine Rezension), landeten Joey und die restliche Herde bald wieder im Fundus der SE. Damit sowas nicht nochmal passiert, trennt man sich vorzeitig von Risiko-Faktoren, ehe sie endgültig den Betrieb ruinieren.

Neuer Wind im Musical-Business

Inwiefern die Stage sich nun in einer Krise befindet vermag sich außerhalb meines Beurteilungsvermögens. Die Umstrukturierung und die neue Preispolitik bei der SE hat sich in den letzten Jahren allerdings dermaßen verselbstständigt, dass ein solcher Schuss vor den Bug vielleicht auch neue Möglichkeiten offenbart.
Für die Angestellten sowie Künstler, die dadurch ihren Job verlieren bedeuten solche Schließungen persönliche Katastrophen. Die Joop-van-den-Ende-Academy, die schon ein bisschen wie das Hogwarts unter den Musical-Schulen galt, ist ein deutliches Beispiel dafür, dass ein anderer Wind auf die Szene zukommt. Denn auch die Konkurrenz schläft nicht.  Die wesentlich kleinere Unternehmensgruppe Mehr! Entertainment drängt sich immer mehr als Alternative auf den Musicalmarkt.

Unternehmensgründer Maik Klokow war übrigens jahrelang Deutschland Manager bei Stage Entertainment ehe er sich mit der Firma überwarf und selbst seine Produktionen unter eigenem Label präsentierte. Sein Konzept bezieht sich auf die multifunktionale Nutzung von Theatern. Das Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg zum Beispiel ist zwar eine Spielstätte, die allerdings im Jahr viele unterschiedliche Produktionen beherbergt, darunter etwa auch die aktuelle Tour Produktion von Elisabeth, We Will Rock You oder Show-Events.
Absolutes Flaggschiff des Unternehmens ist übrigens das Musical Starlight Express, das seit 27 Jahren in Bochum spielt.

Neben der Expansion von Mehr! Entertainment könnten nun auch wieder vermehrt kleinere Spielstätten die Chance haben, mehr wahrgenommen zu werden. Spielorte wie Tecklenburg, Fulda oder andere kleinere Theater und Produktionen können durchaus von dem etwas angeknacksten Image der Stage profitieren. Diese Produktionen sind übrigens auch durchaus leistbarer, wohl auch mit Hilfe der Steuerzahler. Aber das sollte die Kultur dem Staat allemal noch wert sein. Qualität durchaus auch hier geboten. Denn auch wenn Stage Entertainment mit Sicherheit eine großartige Technik und Special Effects bieten kann. Das hochgepriesene Handwerk der Darsteller und Künstler auf und hinter der Bühne kommt bei Stadttheatern und kleinen Produktionen erst richtig zu Geltung.

KulturKiwi

Foto: Stage Entertainment

Wie seht ihr das? Was sind eure Prognosen und Erwartungen für die Musical-Welt in Deutschland?

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