Beef-Alarm: WIR sind doch Experten!

 

Heute möchte ich mir mal ganz persönliche Gedanken über die aktuelle Subkultur im WWW machen. Es geht hier nicht um fundierten Journalismus, sondern um meine Gedanken.  Zum Thema: FANS

Jeder Schauspieler, egal in welcher Sparte, freut sich immer über Fans. Ich durfte mal in einer Lesung in Russland Autogramme geben… das war schon ein tolles Gefühl 🙂 Und ganz ehrlich: Ohne uns leidenschaftliche Theatergänger und Bewunderer der Bühnenkünste wäre es auch nur halb so lustig im Publikum. Wir zeigen den Darstellern unsere Wertschätzung. Die Darsteller erfahren Bestätigung und wissen, dass ihre, zum Teil vielleicht mies bezahlte, Arbeit trotzdem Resonanz hervorbringt und dass sie wichtig sind.
Und das sollte auch Fans ausmachen: Den Darstellern zeigen, wie toll sie sind.

Traurig ist es nur, wenn Fans zu Fanatisten mutieren. Und besonders seit die sozialen Medien dazu beitragen, dass jeder Mensch jederzeit seine Meinung rauströten kann, zeigt sich erst, dass nicht jeder Zuschauer das Prinzip vom Fan-Sein verstanden hat.
Erst heute (20.03.2016) habe ich auf der Fanseite von Jan Ammann ein sehr langes Statement von ihm selbst gelesen, in dem er erzählt, dass es ihn sehr traurig macht, dass teilweise manche Leute ihm sogar private Mails schreiben und anfangen zu beleidigen. Einer der Auslöser war offensichtlich, dass Ammann derzeit wegen einer Grippe spielunfähig ist und nicht auftreten kann. An dieser Stelle gute Besserung!

Und in den letzten Wochen gab es immer wieder vermehrt „Zwischenfälle“ bei denen sich die „Fans“ offenbar dazu berufen fühlen, darüber zu urteilen, welcher Darsteller welche Rolle passt oder wo sogenannte „Fehlbesetzungen“ zustande gekommen sind. Ich bleibe hier mal nur auf dem Musical-Bereich beschränkt. Stichwort: Mark Seibert und TdV. Ich will nicht wissen, ob und wie Seibert auch so nette Emails erhalten hat wie sein Kollege Ammann. Und selbst wenn nicht, ich glaube, schon alleine das Durchlesen vieler Kommentare auf den offiziellen Seiten von Stage und Co. oder in den Foren können echt einem dem Tag vermiesen.
Gerade eben wurde auch ein Kurzvideo über Veronica Appedu, der neuen Sarah in TdV in Berlin veröffentlicht. Keine 50 Sekunden später geht da das selbe Lied gleich weiter. „Zu starker Akzent“, „passt nicht“, „Warum eine Ausländerin?“. Gut, das mögen viele als kritische Kommentare sehen und klar, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber Meinunsgfreiheit heißt nicht, dass man sich wie die Axt im Walde benimmt.

Was erwarten sich die „Fans“ davon?

Und diese Frage meine ich völlig wertungsfrei. Ich würde gerne mal mit so jemanden schreiben, der solche Mails und Pamphlete verfasst. Von mir aus auch anonym. Was erwartet sich der oder diejenige?
Dass die Stage sich denkt „Oh, Erika Mustermann sagt, dass Veronica „voll sch…“ singt und Mark „so gaaaaar nicht zur Rolle passt und niedergesungen“ wird. Da dieser Fan, der laut FB als Wurstfachverkäuferin arbeitet die völlige Kompetenz hat, das zu bewerten und auch wirtschaftlich so in dem Betrieb involviert ist, um die Folgen nachhaltig zu veranschaulichen hören wir jetzt auf sie. Ab nächste Woche singen Tim Wendler und Marika Lichter die zwei Rollen.“

Hoffen sie, dass sich Amann mit Fieber und Heiserkeit denkt: „Oh, dank der beleidigenden und niveaulosen Mail bin ich nun geheilt und super drauf und kann gleich wieder singen. Vorher muss ich aber noch nach den Konto-Daten fragen, weil ihren „finanziellen Schaden“ ersetz ich natürlich…. weil ich auch der einzige Darsteller bei Tarzan bin.“

Denken sich solche Fans vielleicht: „Wegen deinem Ausfall/Fehlbesetzung/anderem irrelevanten Grund fühle ich mich schlecht, das teil ich dir jetzt mit, mach dich fertig und dann gehts dir auch schlecht. Mann, dir hab ichs aber jetzt gegeben!“

Wirklich, mich würden solche Schreiber wirklich einmal interessieren. Also ihr dürft mir gerne mailen. 🙂

Ich gebs zu, als Teenie bin ich auch öfters in Vorstellungen gegangen, um nur den einen oder anderen Star zu sehen. Und auch ich bin mehr als einmal einer Zweitbesetzung gegenübergesessen. Einmal fiel die komplette Show aus. Und ja, auch ich war ziemlich stinkig. Ich hätte auch gerne einen Brief verfasst und gesagt, wie doof das alles ist. Aber, anders als heute, hätte ich wirklich noch einen Brief schreiben müssen, bzw. wenigstens eine Email oder ein Fax… Und da lag glaube ich, ein wesentlicher Vorteil. Es ist erst mal etwas Zeit dazwischen vergangen. Bis der Brief/Mail/Fax fertig gewesen wäre, ist 90% des Ärgers bereits verraucht. Und damit die böse Nachricht nichtig gewesen.

Ich habe als Fan ein Recht auf meinen Star!

Ohne Mist, diese Aussage habe ich mehr als einmal in dieser oder anderen Varianten an Stage Doors gehört oder in Foren gelesen. Interessante Ansicht, allerdings dachte ich, dass Sklavenhandel im vorletzten Jahrhundert offiziell abgeschafft wurde.
Ich verstehe, wenn man sich sehr auf ein Konzert gefreut hat. Ich hätte Ende Februar gerne Mark Seibert gesehen, der war zum Konzert-Termin leider krank. Ja, das war sehr schade. Aber ihn deswegen anblaffen, dass ich mein Vermögen verloren habe? Oder die Show im Eimer ist? Ganz ehrlich, wenn ein Musical/Theater/Oper nur wegen eines Darstellers sehenswert gewesen wäre, dann läuft schon was gewaltig schief. Entweder das Kulturverständnis des Zuschauers, der eine 3-stündige Show mit einem Solokonzert verwechselt, oder das Stück wäre es generell nicht wert gewesen. Wenn die Handlung mies ist, hilft auch kein Leo di Caprio auf der Bühne…

Auch das Benehmen an der SD ist manchmal wirklich… interessant. Ich gebs ja zu, ich bin an der SD eher ein schüchternes Lebewesen. Meine große Macke ist, dass, auch wenn ich im Alltag eigentlich eher selbstbewusst bin, so  bin ich am Bühneneingang eher schüchtern und frage mal höchstens in Piepsstimme um ein Autogramm. Ich glaub, ich bin zu ehrfürchtig… Kein Vergleich zu den „echten Fans“, die dann mit Kamera und Smartphone und Gehopse auf ihren Star warten. Und dann kommt er raus…. und will nicht mal reden! Er ist müde!!! Und will keine Fotos machen!! Der will heim!!!! Ist das die Höhe? Es ist erst halb 12 am Abend, wie kann der bitte nach Doppelvorstellung, 3-Stunden-Show und Abschminkprozedere evtl. noch Proben am Vormittag bitte jetzt müde sein? Und meinen Anspruch auf ein Autogramm verweigern??

Weil sich jemand ein Ticket für eine Vorstellug kauft, hat er nach wie vor kein Anrecht auf irgendjemand. Und in den AGB sämtlicher Bühnen und Eventanbieter habe ich noch nicht den Absatz gefunden:
Mit dem Kauf dieses Tickets sind Sie befugt, ihren auserwählten Darsteller zu heiraten, ihn anzubeten und von ihm mitten in der Nacht abzupassen, um Autogramme zu bekommen. Außerdem gehört er Ihnen auf Lebenszeit.

WIR MACHEN DIE STARS DOCH ERST ZU STARS

Klar, ein Darsteller ohne Publikum wäre arbeitslos. Aber genauso wie es von unserer Seite es eigentlich eine „freiwillige Leistung“ ist, die Darsteller zu unterstützen, so ist es von ihrer Seite eine freie Entscheidung, Autogramme zu geben oder Engagements an oder abzulehnen. Ich bin sehr froh, dass 98% der Fangemeinden das auch so sehen.
Es sind wirklich nicht viele Leute, die Bockmist verzapfen. Nur durch die sozialen Medien haben sie ein neues Sprachrohr bekommen mit denen sie noch nerviger tröten können.
Genauso sind auch 98% der Darsteller super lieb zu ihren Fans, freuen sich über alle Komplimente und geben auch gerne Autogramme. Aber in erster Linie sind es auch nur Menschen, die ihren Job machen und das offenbar gut und deswegen diese Leistung honoriert bekommen. Und alle haben unterschiedlichen Charakter, dass der eine oder andere vielleicht etwas schwieriger im Umgang ist, kann vorkommen. Seltsamerweise haben sie trotzdem ihre Fanbase. Einfach, weil sie gut sind.

Stellt euch vor, euch wird plötzlich via Facebook klar gemacht, dass euer Job/Hobby/was immer ihr gerne macht nicht zu euch passt. Dass ihr unfähig seid. Dass ihr doch bitte jetzt mal was anderes macht, was den Usern gefällt, weil so kann das ja nicht weitergehen. Und überhaupt, IHR seid schuld, dass bei ihm im Garten die Möhren nicht wachsen… auch wenn er gar keinen Garten hat.

 

Lasst uns die Fanaten bekehren!

Ehrlich gesagt: NEIN! Ich für meinen Teil habe beschlossen, dass ich nicht mehr auf solche Diskussionen einsteige. Ihr könnt noch so oft unter einem TdV-Post von Mark drunter schreiben: „Wartets erst mal ab, mir gefällt er gut, ihr seid böse“. Die Leute, die Stunk wollen, lassen sich davon nicht abhalten. Das ist so sinnvoll wie einem Ultra-Fußball-Fan zu erklären, dass das Match zwischen den Vereinen ja „nur ein Spiel“ ist. Das wird ihn nicht davon abhalten, seinen Schlagring zu knuddeln…
Im Gegenteil, er sieht, dass etwas reagiert. Nämlich die andere Seite… und so auch bei diesen Facebook-Bashings. Jeder, der bei solchen Shitstorms mitmacht, auch zu Gunsten des Darstellers, ist trotzdem Teil des Shitstorms.  Und ja, es hat auch mit Selbstdarstellung zu tun, denn wirklich interessieren tut die Meinung eigentlich wirklich niemanden. Das klingt bitter, aber stellt euch vor, ihr stellt euch mit einem Megafon vor das Theater des Westens und ruft: „Die Besetzung ist scheiße!“ oder „Doch der Mark kann das!“ Abgesehen davon, dass euch die Passanten höchstens für irre halten, wird sich niemand dafür interessieren, noch an euer Gesicht erinnern. Deswegen meine Empfehlung:
Klappe halten

Wenn ihr unbedingt dem Darsteller eure Unterstützung zukommen lassen wollt, schreibt ihm doch vielleicht wirklich eine persönliche Mail oder einen Brief. Da freut er sich sicher viel mehr und es ist auch ganz persönlich für ihn. Denn so sehr miese Nachrichten runterziehen, umso mehr bauen positive Worte auf, die nur für ihn allein und nicht für die Masse bestimmt sind.

In diesem Sinne einen fröhlichen Sonntag

Eure Kiwi

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