Die Stradivari – Geliebte Gespielin

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Sie gilt unter Musikern als eine Art Gral der Streichinstrumente. Wer eine hat, geht als Musiker eine enge leidenschaftliche Beziehung mit ihr ein. Ihr Wert wird je nach Baujahr und Zustand in Millionenhöhe beziffert. Kaum ein Instrument wird glorifiziert und mystifiziert wie eine Stradivari – benannt nach ihrem Erbauer.

David Garrett würde sein Leben für sie geben. Der Dirigent Yehudi Menhuin hatte gleich eine Liason mit zweien. Sie tragen betörende Namen wie „Sleeping Beauty“, „Lady Blunt“ oder „Ruby Stradivarius“. In Musikerkreisen hochgeschätzt, wer einmal auf einer spielen durfte, wird auch noch Jahre danach davon schwärmen.
Gerade die Szene rund um klassische Musik ist ein Bereich, der für Normalsterbliche und Uninteressierte oft für Kopfschütteln sorgt. Die Künstler sind außerhalb ihrer Kreise kaum bekannt, innerhalb allerdings gefeierte Stars. Die Gagen bewegen sich in schwindelnden Höhen und auch die Instrumente, die sie spielen, werden mit Werten beziffert, von denen unsereins nur träumen kann. Wer sich mit der Klassik und der Orchesterszene nicht wirklich auseinandersetzt, den werden viele Namen nichts sagen. Doch gibt es ein Instrument, das seit Jahrhunderten Publikum, sowie Musiker verzaubert und in aller Welt bekannt ist:
Die Stradivari

Teuer verliehene Leidenschaft

Wenn man zum ausgewählten Kreis der Musiker gehört, die eine Stradivari spielen dürfen, kann man mit Fug und Recht behaupten zu den Besten der Welt zu gehören. Denn eine Stradivari hat mit der Geige, die Kinder in der Musikschule zum ersten Mal in die Hand gedrückt bekommen, nur das Äußere gemein. Angeblich seien ihre eigene Stimmfarbe, die Verarbeitung und das Alter drei der Gründe, warum sie so unverwechselbar ist. Wer sich übrigens eine Stradivari zulegen möchte, muss tief in die Tasche greifen.

2011 wurde die oben erwähnte „Lady Blunt Stradivarius“ (benannt nach Lady Anne Blunt, Enkelin von Lord Byron) für umgerechnet über 12 Millionen Euro (!!)  an einen anonymen Käufer versteigert worden.

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„Lady Blunt“ 1721 erbaut und für rund 12 Mio. Euro ersteigert. Foto: Wikipedia

Ansonsten sind oftmals Banken oder auch Länder, z.B. die Bundesrepublik Deutschland Eigentümer verschiedener Stradivari-Geigen. Wenn die teuren Wertanlagen nicht gerade in einem Safe aufbewahrt werden, haben Künstler die Chance, eventuell eine Stradivari-Geige ausgeliehen zu bekommen. So kam Star-Geiger David Garrett bereits im Alter von 13 Jahren in den Genuss der Stradivari mit dem bezaubernden Namen „San Lorenzo“ aus dem Jahre 1718. Heute spielt er ein anderes Modell eines anonym bleibenden Mäzenen, der ihm das Instrument zur Verfügung stellt.

Antonio Stradivari und die Kunst des Geigenbaus

Tatsächlich haben die Instrumente schon einige Jahre auf den Saiten. Denn ihr Schöpfer, der italienische Geigenbaumeister Antonio Stradivari lebt von 1644 bis 1737 in Italien. Wo er genau das Handwerk erlernte, liegt bis heute im Dunkeln, man vermutet allerdings, dass er beim damals bekannten Geigenbauer Nicolò Amati in die Lehre ging. Bereits mit 12 Jahren soll er beim Meister die Ausbildung begonnen haben, was zu der damaligen Zeit aber keine Seltenheit war. Gestützt wird die These dadurch, dass besonders Stradivaris frühe Werke und Instrumente sehr stark an Design und Fertigung an denen von Amati angelehnt sind.

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Antonio Stradivari Bild: Wikipedia

Erst später beginnt Stradivari zu experimentieren und eigene Modelle zu entwickeln. Er spielt dabei mit Holzverarbeitung und Klangfarbe. Eine weitere Theorie sagt, dass Stradivari vor seiner Ausbildung zum Geigenbauer bereits als Schreiner gearbeitet hat, da seine Verzierungen besonders kunstvoll und fein sind, wie es für einen Geigenbauer damals eher untypisch war.
1667 heiratet Stradivari das erste Mal die junge Witwe Francesca Feraboschi. Mit ihr vier Kinder, eine Tochter  und drei  Söhne: Catterina, Francesco, Allessandro und Ombono Stradivari. Francesco und Ombono würden später einmal seine Werkstatt übernehmen. 1698 wurde Francesca tragischerweise von ihrem Bruder durch einen Querschuss erschossen. 1699 heiratete Stradivari erneut, die 35 jährige Antonia Maria Zambelli. Mit ihr hatte er noch fünf weitere Kinder.

Stradivaris Arbeit orientierte sich bis 1680 noch stark an Amati, weshalb diese Schaffensperiode auch Amatise benannt wird. Ab 1680 beginnt Stradivari langsam einen eigenen Stil zu entwickeln. Angeblich soll er auf seinem Dachboden des Hauses immer weiter an verschiedenen Resonanzkörpern mit unterschiedlichen Hölzern gebastelt haben. Bis 1700 baut er hauptsächlich Instrumente, die etwas länger sind als die Vorgänger und einen eigenen Klang entwickeln. Ab 1700 beginnt die goldene Periode des Meisters. Er hat seinen Stil gefunden und erschafft nun einzigartige Violinen und Bratschen, die bald auf der ganzen Welt geschätzt werden. Typisch ist dabei ein tiefroter Lack, schwarze Ränder und breite Ecken und Kanten. Offenbar Stradivaris Lieblingsstück war die „Messias“, die er 1716 baute und die heute im Besitz des Ashmolean Museum in Oxford. Zu Lebzeiten war das Instrument unverkäuflich. Stradivari behielt die Geige bis zu seinem Tod. Ab 1720/25 werden die Instrumente Stradivari nicht mehr ganz so filigran wie zu seinen Hochzeiten. Im Alter wird die Ausführung einfacher, aber der Baumeister legt nach wie vor selbst Hand an allen Instrumenten seiner Werkstatt an.
Er stirbt am 18. Dezember 1737 im Alter von 93 Jahren. Seine beiden Söhne übernehmen die Werkstatt, die erst nach deren Tod an einen anderen Geigenbauer übergeben wird. Dort befinden sich bis heute noch weitere einzigartige Stücke des Meisters.

Man vermutet, dass Stradivari rund 1100 Geigen, Bratschen, Celli, Gitarren und eine Harfe gebaut hat. Bis heute sind rund 650 Instrumente davon erhalten. Besonders die Geigen und Bratschen sind weltweit sehr begehrt. Schon um 1800 nahm der Hype um die Instrumente zu. Die Klangfarbe war einzigartig und bereits damals zahlten Musiker und Mäzenen stolze Preise für ein Instrument aus der Werkstatt Stradivari. Dies führte dazu, dass rasch nach dem Tod des Geigenbauers erste Nachahmungen mit der Signatur Stradivaris in Umlauf kamen. Bis heute ist es bei vielen Instrumenten aus der Zeit schwierig, eindeutig zuordnen zu können, ob es sich um eine Original, oder aber um eine ebenso nahezu perfekt klingende Fälschung handelt.

Die Klang-Magie einer Stradivari

Schon Stradivari gab seinen Geigen einen Namen, später übernahmen Musiker diese Aufgabe. Als Patrone standen entweder ehemalige berühmte Besitzer oder Städte und Regionen. Bis heute sind Violonisten verzückt, wenn sie eine Stradivari in den Händen halten. Gerne wird dabei zitiert, dass der Klang von einer alten Geige einfach um Dimensionen besser und authentischer sei, als der einer modernen Geige. Natürlich begannen Studien damit sich zu beschäftigen, was die Zuhörer so sehr an der Stradivari begeistert (außer der Baukunst).

Offenbar gibt es unterschiedliche Faktoren, die den Klang einer Stradivari unvergleichlich machen.  Da ist zum einen die Fertigungsweise des Instruments. Denn der Lack, den Stradivari benutzte, um seine Geigen und Bratschen zu bestreichen hatte eine eigene Rezeptur. Die genauen Komponenten lassen sich heute nicht mehr genau eruieren. Wahrscheinlich hatte der lombardische Geigenbauer ein Geheimrezept. Denn Patentämter gabs noch nicht, also musste man sich durch Firmengeheimnisse sich seine Erfolge sichern. Der Lack auf jeden Fall hat nicht nur schmückende Wirkung. Er schützt seit Jahrhunderten vor Zerfall. Die Boraxsalze und Polysacharide sind zudem wunderbar gegen Holzwurm und Pilzbefall – die Todeskrankheiten für Holzinstrumente! Wahrscheinlich dürften noch andere Zutaten beigemischt sein, diese hat aber Stradivari mit ins Grab genommen. Durch den Lack hat sich auch die Struktur des Holzes verändert. Die Poren wurden verschlossen und waren damit weniger anfällig und auch für den Klang hatte das Auswirkungen.

Auch die Holzauswahl, Lagerung und das Klima sind Teile des Klang-Geheimnisses. Stradivari legte Wert auf beste Hölzer beim Bau seiner Saiteninstrumente. Für den Boden, die Zargen (die gebogenen Verbindungselemente) und die Schnecke (wo die Saiten gespannt werden) benutzte er Ahornholz. Der Deckel bestand aus Fichtenholz oder Rottanne. Der Griff aus Ebenholz, Buchs oder Palisander. Damals wurden die Fichten und Tannenhölzer in den Dolomiten geschlagen, dann über Flüsse, wie den Po runter nach Venedig geflößt, ehe es dort oftmals monatelang in der Lagune rumdümpelte, bis es rausgefischt und verkauft wurde. Gerade im Lagunenwasser (dass damals noch wesentlich unbelasteter ist als heute) saugten sich die Hölzer mit Salzen und Substanzen voll, die auch Auswirkungen auf den Klang haben.

Eine weitere Besonderheit, auf die Stradivari aber keinen Einfluss hatte, war die Wachstumsbeschaffenheit des Holzes. Zu Stradivaris Lebzeiten herrschte in Europa eine kleine Eiszeit. Bäume wuchsen sehr langsam und regelmäßig. Das hatte zur Folge, dass sich sehr schmale und enge Jahresringe bildeten, die Zellwände waren dünnhäutig und großporig. Das bedeutete niedrige Dichte und Leichtigkeit, bei besserer Biegestabilität – ein Traum für jeden Baumeister!  Heutzutage werden übrigens gerne Hölzer aus den Karpaten und Nordafrika bezogen, um ein tolles Klangerlebnis zu gewährleisten.

Nicht zuletzt liegt es natürlich auch an der Machart des Spielers, wie er mit dem Instrument umgeht. Ein Anfänger wird auch auf einer Stradivari nur ein fidelndes Gejaule raus bekommen. Wegen des unschätzbaren Wertes unvorstellbar! (Sorry liebe Musikschüler)

Alles nur ein Mythos?

Seit Jahrhunderten geliebt und gefeiert dachten sich natürlich Wissenschaftler, dass die Stradivari ja dann de facto wirklich die aller aller aller allerbeste Geige der Welt sein muss. Und sie begannen mit Tests, um das auch zu belegen.
Die Forscherin Claudia Fritz startete einen Versuch, um zu eruieren ob Stradivaris, Amatis usw. wirklich so gut sind wie ihr Ruf.

Für ihren Versuch zog sie 21 Musikerinnen und Musiker zu Rate im Rahmen des Internationalen Geigen-Wettbewerbs in Indianapolis 2011. Die Probanden mussten zwischen 3 alten und 3 neuen Geigen unterscheiden, welche ihrer Meinung nach am Besten zu spielen sei und klinge. Im Versuch waren 3 sehr neue Geigen  und 2 Stradivari und eine Guaneri. In einem abgedunkelten Raum trugen die MusikerInnen Schutzbrillen, um die Geigen nicht anhand der Form identifizieren zu können. Zusätzlich wurden die Geigen am Kinnstück extra mit einem Duftmittel bestrichen, um auch am Geruch nicht unterschieden werden zu können. Ebenso mussten die Forscher sich blind im Raum bewegen, um die Instrumente nicht erkennen zu können. Ziel war es nun, dass die Musiker ihr „Lieblingsinstrument“ aus der Gruppe rausfinden sollten. Bewertet wurde nach Spielerlebnis, Klangfarbe, Haptik und welches Instrument man persönlich mit nach Hause nehmen würde

These: Stradivari und Guaneri sollten nach bekannten Maßstäben ja immer gewinnen.

ERGEBNIS:
Es gibt keinen Unterschied!

Im Gegenteil, die neueren Instrumente schnitten bei den Probanden fast noch besser ab. Auch bei den Personen, die meinten gerade den Klang einer Stradivari oder Guaneri bestens erkennen zu können waren die Ergebnisse deutlich abweichend.

Gründe kann das natürlich viele haben. Claudia Fritz vermutete, dass das Raumerlebnis, die Dunkelheit, sowie die Akustik sicher das Ergebnis beeinflussten. Auch der Name einer Geige und der ökonomische Wert, schlagen sicher auf die subjektive Wahrnehmung, ähnlich wie ein teurer Wein angeblich besser schmeckt als der billigere.
Da diese Untersuchung aber keinesfalls die Stradivari entmystifizieren soll, war das Ergebnis zwar überraschend, aber nicht wirklich mit hoher Tragweite.

Ungebrochen ist der Zauber der Stradivari. Denn bis heute hat kein Instrument in einer so langen Zeitspanne an Qualität verloren, im Gegenteil es scheint es sei mit der Zeit mehr Liebe, Passion und Leidenschaft hineingewachsen. Und so manch Violonist hat schon eine Träne vergossen, wenn er die zart besaitete Geliebte nach einigen Jahren wieder an den Sponsor zurückgeben muss. Man geht eben doch eine Beziehung mit einer leidenschaftlichen Gespielin ein. Und mit vielen Erinnerungen fällt der Abschied dann umso schwerer.

 

Damit ihr natürlich auch mitreden könnt, habe ich nun noch zwei Videos mit zwei Stradivari-Präsentationen.

Foto im Line-UP: David Garrett mit seiner Stradivari  Bild: Thomas Brill

Quellen: ORF

Spektrum der Wissenschaft

Wikipedia

 

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