Die Bühne ist ein sexistischer Ort

Heute lass ich mal die Alice Schwarzer aus mir raushängen. Heute brech ich mal so richtig mit all den schönen Stereotypen und Klischee-Klatschen und frag mich: Warum ist die Frau auf der Bühne eigentlich immer das verletzliche dumme Ding? Und wenn nicht, warum haben wir dann Angst davor?

Ich bin stolz darauf eine Frau zu sein! Japp, trotz meiner allmonatlichen hormonellen Tiefpunkte liebe ich es, dem weiblichen Geschlecht anzugehören. Prima, dann ist das auch mal geklärt und ihr könnt in Ruhe weitersurfen.

Wir Frauen haben auch ziemlich lange gebraucht, dass wir zumindest hier in unseren Breitengraden endlich unsere Rechte erhalten und in vielen Situationen des Alltags ist da leider noch sehr viel Platz nach oben. Und auch in der Theaterbranche ist da garantiert noch ein weiter Weg, um als familienfreundlicher Arbeitgeber bzw. auch gleichberechtigter Arbeitgeber ein Sternchen ins Fleißheft zu bekommen.
Ich will mich jetzt hier nicht über Bezahlungssysteme und Einstellungsverfahren auslassen, dafür fehlt mir auch die Expertise. Aber schon allein ein kurzer, absolut oberflächlicher Blick auf die Bühne reicht, um zu zeigen: Wir Frauen sind irgendwie immer noch zweite Geige. Und größtenteils liegt es sogar an uns. Aber der Reihe nach.

Ich wünschte, ich könnte auf Statistiken zurückgreifen, aber subjektiv gesehen sind es vorallem Frauen, die gerne Musicaldarstellerin/ Opernsängerin oder dergleichen werden wollen. Die kreativen Berufe sind angesagt und das ist auch schön so. Wenn es dann aber ans Eingemachte auf der Bühne geht, dann sieht es in Punkto Rollenverteilung und Hype gleich anders aus.

Das Publikum ist sexistisch

Steile These? Mal ehrlich, die Marketing-Abteilungen der großen Eventkonzerne wie z.B. Stage bedienen sich nur zu gerne am guten und gängigen Klischee: Sex sells!
Komischerweise ist es jetzt aber nicht unbedingt die leichtbekleidete Frau, welche die Ticketvorverkäufe nach oben schnellen lässt: Es sind die männlichen Rollen, die immer wieder die PR-Kampagnen anführen. Besonders im Musicalbereich ist das ein Phänomen, dass ich seit einiger Zeit fasziniert betrachte.

Paradebeispiel: Tanz der Vampire
Jedes verdammte Mal! Wenn dieses Stück irgendwo seine x-te Neuauflage erhält, ist das komischerweise die einzige Frage, die sich offenbar jeder stellt: WER WIRD DER NEUE GRAF?  Die Rolle der Sarah wird dann meist in einem Nebenthread abgehandelt. Hallo? Der Grahaf!! Wer spielt ihn??
Und wer beteiligt sich an der Diskussion? Frauen, na klar! Das klingt echt bitterböse, aber durch unser seltsames östrogengesteuertes Rudelverhalten haben wir dafür gesorgt, dass auch auf der Bühne nach wie vor der Mann das interessante Cast-Objekt ist.
Als im Frühjahr eeendlich die Bombe hochging, wer denn nun Graf in Berlin ist, war das Geschrei riesig. Mark Seibert hier, Jan Ammann dort… Veronica Appedu wurde gerade mal als Duettbeilage für den Werbeclip serviert. Und das einzige, was dann kam war: „Die spricht komisch.“
Klar gab es auch diese netten Komplimente: „Oh, hübsche Sarah, die schaut nett aus.“

Aber mal ehrlich, hätten die Jungs einen Thread gestartet mit: „Boah ich will wissen, wer Sarah spielt, die würd ich ja dann auch nackt in meiner Wanne planschen lassen…“
Ich will nicht wissen, wie groß das Geschrei gewesen wäre.

Und dieses Muster lässt sich leider auf viele Stücke, in vielen Sparten anwenden.

Phantom der Oper: Wer spielt das Phantom??? Edenborn?? Borchert???? Kröger!???!?!?!??
Ah, Christine, Valerie Link, jo eh nett…
Elisabeth, hier ist die Protagonistin sogar eine Frau: „Oh cool, Roberta Valentini ist die Elisabeth….“ – „Oh my fucking awesome God!!! Seibert spielt den Tod!!! Waaah Tickets kaufen!!“

Romeo und Julia: „Boah cool, Benedict Cumberbatch macht den Romeo!! Julia? Nö kenn ich nicht, schaut lieb aus. Und das ist soooo romantisch“

Turandot: „Oh Jonas Kaufmann spielt Kalaf! Wie genial!!“

Wobei ich sagen muss, komischerweise bietet ausgerechnet die Oper dann wieder Rollen, die dann auch bei eher opernuninteressierten Leuten ein Begriff sind. Aber das sind dann meist Frauen, denen man im wahren Leben nicht begegnen möchte:

Turandot – verwöhnte Prinzessin, die ihre Freier umbringen lässt, wenn sie die Rätsel nicht lösen.

Königin der Nacht – böse Königin, die ihre eigene Tochter am liebsten tot sehen würde

Claire Zachanassian  – Bei Besuch der alten Dame eine Multimilliardärin, die mal eben den Tod ihres ersten Liebhabers erkauft…

Ich habe das Gefühl so richtig tolle Rollen, die zwar lässig und nett sind und so gehypt werden, gibt es auf der Bühne nicht wirklich. Scaramouche in We Will Rock You zum Beispiel. Alter, das Mädel hat so viel Pepp im Hintern und ist dermaßen cool drauf…. und wir bejubeln trotzdem den Galileo Figaro…

Auf der einen Seite schreien wir nach absoluter Gleichberechtigung, auf der anderen Seite werten wir durch unser Verhalten Rollen in Stücken schon im Vornhinein ab.

Klar, das Naivchen Christine oder Sarah weren keine Emanzen, nur weil wir plötzlich dem mehr Wert zutragen. Und manche Rollen sind einfach so ausgelegt. Aber generell tut sich die darstellende Kunst schwer, adäquate Figuren für Frauen zu erschaffen. Entweder sind sie schwer verzweifelt, höchst sexy oder einfach nur männerfeindlich. Einen netten Querschnitt gibt es leider nicht.
Und wenn dann doch einmal daher kommt und mit dem Genderwahn kurzen Prozess macht… kommt meist ein Stück dabei raus, dass als sehr sehr sehr modern aufgefasst wird – und erst einmal einer Einführung vor der eigentlichen Vorstellung braucht, um verstanden zu werden.

Tja, ich sags ja, weit ist noch der Weg bis dahin, dass auch die Frauen endlich mal ihren wohlverdienten Platz und Hype am Plakat haben. Und das traurige ist. Die weiblichen Zuschauer.. sind da leider mit Schuld dran.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. sirovio sagt:

    Dein Schreibstil gefällt mir!

    1. KulturKiwi sagt:

      Vielen lieben Dank 🙂

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