Mal ehrlich: Wir und die Elenden- wir wollens doch so!

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Bonjour, Bienvenue, ich melde mich zurück aus meiner Sommerpause. Tatsächlich sind knapp zwei Monate verstrichen. Ich war viel unterwegs, habe viel gesehen – und fast nichts davon hatte mit Theater zu tun. Aber dazu ein anderes Mal.
Denn heute ist das Wetter so schön, die Laune so herrlich – da wird es Zeit für ein Stück der miesen Laune: Les Miserables!
Wir brauchen alle etwas Selbstmitleid

„Look down, Look down“, heißt es in den ersten Zeilen des Musicals „Les Miserables“ von Schönberg und Boublil.
Ja, seht nieder, kriecht auf dem Boden, auf den euch eure Mütter euch geboren haben, seht nie wieder auf, ach am Besten, sterbt dort auch gleich noch!
Keine Sorge, das tun wir auch!

So ähnlich lässt sich die Handlung von den Elenden festmachen. Die Lebensgeschichte des Jean Valjean ist auf jeden Fall nicht gerade das, was wir als Erfolgsbiographie verkaufen wollen. Aber das hier ist auch das schmutzige Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts und nicht der Broadway! Tatsächlich ist die Geschichte rund um Valjean und seinen Wegbegleitern tragisch, traurig, deprimierend.
Und das Publikum liebt es! Wahrscheinlich einfach, weil man sich irgendwie, irgendwann in irgendeine Figur hineinversetzen kann.

Dieser Figur geht es einfach scheiße! Genauso scheiße wie mir! Hach!!! Seht ihr, die Figur versteht mich!!!!!!!111!!!! ICH LIEBE DIESES MUSICAL!

Und es ist für jeden etwas dabei, um sich auch mal richtig toll drei Stunden im Selbstmitleid zu suhlen. Zerplatzte Träume, verlorene Eltern, gescheiterte Liebe, ein sterbendes Kind… Les Miserables bietet wirklich ALLES, um sich auch mal wirklich richtig mies zu fühlen!
Und wer jetzt etwas anderes behauptet, der lügt einfach!

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Friendzoning extreme,  Väterkomplexe und das gescheiterte Leben

Natürlich ist Les Miserables nicht auf dem Mist von Schönberg und Boublil gewachsen. Victor Hugo hat eine Romanvorlage geliefert, die schon vor rund 150 Jahren der Renner in Frankreich war. Ja, die menschlichen Probleme haben sich die letzen Jahrhunderte nicht wirklich verändert. Aber anders als im Buch kann auf der Bühne das Drama natürlich richtig schön ausbauen und ausweiden. Die Musik hat es natürlich in sich. Und, wie gesagt, es ist für jeden Geschmack der Selbstzerstörung etwas dabei. Nehmen wir uns mal ein paar Beispiele heraus:

Éponine: Das Mädchen ist wahrscheinlich nur deshalb eingefügt worden, weil es ungefähr 90% aller gebrochenen Herzen der weiblichen Zuschauer anspricht: ER LIEBT EINE ANDERE, SIE STIRBT AUS LIEBE ZU IHM!!! Das Motiv taucht übrigens auch in der Oper Turandot auf. Dort lässt sich die Sklavin Lìu erstechen, um ihren Herren Calaf zu beschützen… der auf eine männermeuchelnde Prinzessin abfährt – kranker Kerl, armes Mädchen.
Ganz so leicht ist das bei Éponine leider nicht. Die kleine Französin ist in den Studenten Marius verliebt. Sie ist ein einfaches Kind von der Straße, ohne wirkliche soziale Sicherheit, er ist der kluge, intelligente Charmbolzen, dem sie hoffnungslos verfallen ist. Und Marius? Der sieht in Éponine eine wunderbare Freundin!! Also BESTE FREUNDIN!! „Du bist die beste Freundin, die man sich wünschen kann!“ – Autsch, das trifft hart. So ist es nicht verwunderlich, dass Éponine sämtliche Sympathiepunkte einfährt. Obwohl sie als Kind ziemlich gemein zu Cosette war – die übrigens Marius Auserwählte ist. Und wir Frauen stehen drauf! Die coole, taffe, harte Éponine aus dem Ghetto vs kleiner blonder Engel Cosette.  Auf der anderen Seite frag ich mich bis heute: WARUM ZUR HÖLLE UNTERSTÜTZT SIE MARIUS NOCH BEI SEINEN RENDEVOUZ UND ÜBERBRINGT LIEBESBRIEFE???? Meine These: Sie liebt ihn unendlich… und steht auf Sadismus.
Dass Éponine kurz vor ihrem dramatischen Bühnentod natürlich eine herzzerreißende Arie singt, während Cosette nur mal zwischendurch was von „Freiheit“ fiepst, beeinflusst unsere objektive Wahrnehmung natürlich überhaupt nicht. Nein, Éponine rockt! Als sie dann im Sterben liegt und dann zum Schluss Marius (der nun checkt, dass Ponilein vielleicht „mehr“ als nur Freundschaft wollte) doch noch eiskalt abserviert und stirbt, ist natürlich der perfekte Abgang! Cosette mag zwar Marius bekommen, aber Éponine die Herzen aller weiblichen Zuschauer!

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Jean Valjean: Ja, Jean Valjean – der Inbegriff der Güte, Liebe, Wärme, Altruismus und was halt alles gut sein kann. Einmal einen Laib Brot gestohlen, seitdem von der französischen Welt verachtet und geschändet. KEIN WUNDER, DASS ER KERZENLEUCHTER STIEHLT!!
Jean Valjean ist einfach der Held schlechthin. Kein Wunder, dass er von Männern wie Frauen sehr respektvoll gesehen wird. Er tut immer alles für andere. Manchmal tut er allerdings so viel, dass andere erst mal in Existenzängste oder in den Tod stürzen. Stichwort „Fantine“ und „Marius“. Nachdem Fantine, mit mehr oder weniger seinem Zutun in der Gosse landet, dann allerdings wieder von ihm gerettet wird und trotzdem stirbt, ist es noch Marius, der sich bereitwillig auf die Barrikade stellt, nachdem Valjean ihm „seine“ Cosette wegnehmen will. Japp, der Gute hat nicht so den Lauf, was glücklich machen angeht. Allerdings bekommen wir so erst unser Lied, dass uns alle immer wieder Gänsehaut beschert: „Bring him home“ , „Bring ihn heim“. Ein warmer sanfter Klang, eine traumhafte Stimme…
Und so mancher Mensch, der sich von seinem Vater ganz ganz doll ungeliebt fühlt wird spätestens an dieser Stelle heulend zusammenbrechen. Jean Valjean ist nicht nur der strahlende Ritter ohne Rüstung, er ist auch der Vater, den wir alle niemals haben werden. Und das macht uns ganz doll traurig. Und wenn wir doch einen tollen Vater haben, so weinen wir, weil wir merken, wie sehr wir ihn lieben, dafür, dass er Marius plötzlich doch liebt. Seine Cosette ohnehin liebt. Und weil wir merken, dass wir, falls soweit vorhanden, unsere Kinder mindestens genauso lieben.
Ist euch eigentlich aufgefallen, dass Valjean keinerlei Liebschaften hat??? Und dass er eigentlich nicht soooo begehrlich ist, wie z.B. das Phantom oder Graf? Da bestätigt sich schon wieder meine Arschloch-Theorie.
Valjean ist ein guter, starker (heißt offenbar auch damn hot) Mann. Aber trotzdem, keine Frau, nur seine Cosette. *haaach* *seufz*
Wobei Hugh Jackman in dem Kinofilm schon recht… jo… gut aussah 😀

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Und das sind jetzt nur zwei Beispiele, die zeigen, wie super toll sich die Crew im Selbstmitleid suhlen kann. Da wäre dann noch zum Beispiel Fantine. Die Mutter opfert sich für ihr Kind auf. Aber schon allein ihr Lied „I dreamed a dream“ lädt uns dazu ein, mit ihr zu zerbrechen.
Oder eben Marius. Der kleine nette, ausstrahlungslose Charmbolzen, der sich im Liebeskummer auf die Barrikaden schmeißt. Jepp! So werden Konflikte anno 1833 gelöst! Fuck of Beziehungscoach und sowas! Natürlich sterben dabei alle seine Freunde, er wird schwer verletzt und beheult dann alle mal eine Runde im Stammlokal. Aber nur kurz, danach wird auch schon geheiratet.
A propos Hochzeit. Ausgerechnet beim Hochzeitstag schießt es Cosette in den Kopf, dass sie ja noch einen Vater hat. Und den dann auch zufällig wiederfindet…. während er im Sterben liegt. Geile Sache… da kommt Freude auf der Party auf!
Generell ist die Überlebensstrategie der Protagonisten nicht besonders erfolgreich auf der Bühne. Sogar Kinder haben gerade mal eine Überlebensrate bis zum Beginn des zweiten Aktes.
Mal ehrlich: Und das sterbende Kind haben die nur eingefügt, damit wir auch wirklich verdammt noch mal heulen!!
Wirklich ändern an ihren miesen Schicksalen tut keiner was. Alle sind traurig alle finden alles scheiße, wir leiden mit! Alle? Nun bis auf zwei….

Typisch Mann und Systemversager!

Mal ehrlich: Die Geschichte ist auch so ein bisschen klischeehaft, was Männerallüren angeht. Paradebeispiel: JAVERT!
Der Typ ist nicht nur Valjeans Fliege auf der Windschutzscheibe seines Lebens- der Typ ist die penetrante Nervnsäge schlechthin, die dem ganzen miesen Leben der Leute noch eins obendrauf setzt.
Und natürlich ist er stur wie ein Mann: „Ich bin das Recht, ich habe Recht – ÄTSCH!“

Man muss sich das bildlich vorstellen: Valjean bittet ihn MEHRMALS, ZEIT SEINES LEBENS, an sich der Justiz zu stellen, wenn Javert ihn vorher irgendeine Aufgabe zu Ende bringen lässt. Ein Kind adoptieren z.B. oder eben Marius retten.
Valjean rettet Javert persönlich sogar das Leben, indem ihr in laufen lässt. Könnt ihr euch das vorstellen??? Valjean ist einfach zu nett!! Der rettet Javert das Leben und was macht er??
Er taucht wieder auf und nervt. Typisch Mann eben. Von seiner Einstellung keinen Milimeter abweichen. Javert war sicher das Kind in der Schule, das keiner leiden konnte, weil er immer gepetzt hat, immer der Streber war und immer Recht behalten wollte… wahrscheinlich Einzelkind… mit Helikoptereltern…
Tja und ganz zum Schluss, als er erkennt, dass er wohl doch nicht so im Recht war…. bringt er sich um! BRAVO!!!

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Kommen wir zum Schluss zu den absoluten Systemversagern. Sie sind im Dreck geboren, sie rauben, plündern, machen vor toten nicht halt… und wir lieben sie… Die Thenardiers. Es ist ihnen alles scheißegal, es scheint sie nicht mal zu kümmern, dass ihre Tochter von einem Kugelhagel durchsiebt wurden. Sie sind auch die einzigen, die keinen Hehl daraus machen, dass alles scheiße läuft. Im Gegenteil, irgendwie finden sie es sogar noch witzig. Und wir lieben sie dafür! Wer taucht sonst auf einer Hochzeit auf und frisst sich voll, während das Brautpaar in schrecklicher Vorahnung verschwindet. Wer bietet auch noch einen Ring an, den man angeblich einem Toten abgenommen hat? Die Masters of the House eben. Und vielleicht weil dieses Pärchen mit Abstand das Widerwärtigste und miesesete ist, lieben wir sie am Meisten. Denn die bestätigen uns darin. Miese Arschlöcher und verlogene Ratten, bringen es doch irgendwie zu irgendwas…

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Mal ehrlich: WIR WOLLEN ES DOCH SO!!

Sind wir mal ganz ehrlich…. hätten Schönberg und Boublil ein biiiisschen Eigenregie geführt und das Buch umgeschrieben, ein alternatives Ende gesetzt… wir fänden es einfach scheiße. Marius hat seine Cosette, das muss reichen für uns und das reicht uns. Nein, stattdessen sehen wir Valjean noch einmal beim Krepieren zu, ehe in der Anderswelt alle toten Menschen fröhlich ihr Lied über Freiheit singen. Da darf Valjean dann auch glücklich sein, die toten Menschen singen. (in vielen Aufführungen übrigens noch schön blutverschmiert wie sie gestorben sind) Und wir heulen kräftig mit denn ganz ehrlich: So schön fremd selbstbemitleiden können wir uns nie wieder!

Gifs: giphy.com
Bild: mansfield.edu

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