Shakespeares „Der Sturm“ im Tiroler Landestheater – Rezension vom 28.10.16

Am Freitag hab ich mir im Tiroler Landestheater William Shakespeares „Der Sturm“ angesehen. Und gerade, wenn es um Klassiker und große Theater-Autoren geht, ist es schwierig alte Stücke in modernen Kontext zu setzen. Das Tiroler Landestheater hat den Versuch gewagt.
Aber hier heißt es erst mal: Bühne frei für wirklich britischen Stoff.

Vor 400 Jahren ist Großbritanniens berühmtester Dichter und Theaterschreiber William Shakespeare gestorben. Der Inbegriff der britischen literarischen Kultur hat neben dem Drama „Romeo und Julia“ das Bühnen – und Literaturleben bis heute geprägt. Witzig ist, dass es bis heute de facto keinen absolut sicheren Beweis von William gibt. Aber die ihm zugeschriebenen Werke existieren – Gott sei Dank!

Das Tiroler Landestheater hat sich anlässlich des Todesjahres eines der letzten Werke des Schriftstellers gewidmet. Im Schauspiel „Der Sturm“, das als letztes Theaterstück von Shakespeare angesehen wird, geht es um Macht, Rache und vorallem den seltsamen Trieb des Menschen irgendetwas besitzen zu müssen

„Mein ist dies Land“

Dieser Spruch prangt in grellen roten Lettern über der Bühne und leuchtet immer wieder einmal während der Inszenierung auf. Das Land, wo sich unsere Figuren befinden ist im  eine karge Mittelmeer-Insel, an die Prospero (Andreas Wobig) , einst Herzog von Mailand, mit seiner Tochter Miranda (Lisa Weidenmüller)  vor 12 Jahren gespült worden ist. Prospero hatte sich als Fürst mehr seinen Büchern und der Wissenschaft gewidmet, als den eigentlichen Staatsgeschäften. Diese hat er seinem Bruder Antonio (Stefan Riedl)  anvertraut. Durch einen Staatsstreich mit Hilfe Alonso (Michael Arnold), König von Neapel, hat er die Macht an sich gerissen und Prospero gestürzt. Prospero und seine Tochter wurden verbannt.
Nur Gonzalo (Jan Schreiber), ein treuer Diener Prosperos, sorgt dafür, dass der Fürst wenigstens ein paar seiner wertvollsten Bücher mit in die Verbannung nehmen darf. Ausgesetzt mit einem Boot ohne Segel stranden Vater und Tochter schließlich auf der Insel. Durch die Bücher schafft es Prospero, sich die Naturgeister der Insel untertan zu machen. Allen voran ist der Luftgeist Ariel (Marion Fuhs) treue Dienerin des neuen Herrschers. Ebenso dient ihm auch Caliban (Christoph Schlag), ein wilder Sklave, der dem König allerlei Handlanger-Dienste erledigen muss.
Die Geschichte setzt damit ein, dass Prospero einen mächtigen Sturm durch Ariel heraufbeschwört.

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König Alonso (Michael Arnold) und seine Gefolgschaft werden von höheren Mächten an die Insel gespült.  Foto: TLT

Mit dem Sturm erleidet eine Gruppe von Seefahrern Schiffbruch auf der Insel. Es ist just jene Gruppe, die einst Prospero gestürzt und verraten haben. Mit an Bord sind neben dem König von Mailand noch dessen Bruder Sebastian (Jan-Hinnerk Arnke), sowie der Hofnarr Trinculo (Johannes Gabl), Kammerdiener Stephano (Gerhard Kasal) und der Königssohn Ferdinand (Matthias Tuzar). Prospero will nun mit Hilfe seiner Geister Rache nehmen an jedem einzelnen von den Schiffbrüchigen…

Klang- und Bildgewaltige Inszenierung

Regisseurin Susanne Schmelcher hat gemeinsam mit Bühnenbauer Helfried Lauckner eine beeindruckende Szenerie geschaffen. Das gesamte Stück spielt auf einer Art Halfpipe, eine überdimensionale große blaue Welle. Ein paar Fässer, ein paar Plastikflaschen, etwas Strandgut ist alles, was auf der Bühne zu sehen ist. In diesem einsamen Ödland bauen die Darsteller eine eigene mystische Welt auf. Mit effektvoller Musik von Viola Kramer und Licht von Florian Weisleitner gewinnt das Schauspiel an Lebendigkeit. Trotz der schwerfälligen -typisch Shakespear- Sprache, die für das normale Ohr erst gewöhnungsbedürftig ist, fühlt man sich sofort in die Handlung ein.

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Foto: TLT

Unheimliche Stimmung kommt auf, wenn Ariel über der Bühne schwebt und gespenstische Klänge auf einer Plattform mit Kupferstangen erzeugt, die unheimlich über der Szenerie schwebt.

Faszinierend waren auch von Videoprojektionen. Irgendeiner der Darsteller filmte immer wieder das Geschehen auf der Bühne in Nahaufnahme, was dann dann an die Halfpipe geworfen wurde. Dadurch entstanden eindrucksvolle Bilder, die Figur wurde gleich von mehreren Perspektiven inszeniert.

Vom Fluch besitzen zu wollen

„Der Sturm“ passt nicht nur wegen des Todesjahres hervorragend in die heutige Zeit hinein. Schon allein durch die Szenerie – ein Boot kentert auf dem Mittelmeer auf einer Insel – tauchen schon ganz andere Gedanken im Kopf auf.
Jede einzelne der Figuren versucht im Laufe des ca zweistündigen Stücks irgendwie seine Art von Macht zu erlangen. Sei es der dauerbetrunkene Stephano, der Caliban vorgaukelt ein Gott zu sein; Prospero, der die Insel, sowie Mailand für sich beansprucht und auch die Naturelemente beherrscht, oder Antonio, der von Anfang an sich als eigentlichen Herrscher sieht.
Caliban, als Sohn einer Hexe, der die Insel vor Prosperos Ankunft gehörte, beansprucht das Eiland ebenso für sich, ebenso wie die Gestrandeten, die auf ihr neue Abenteuer vermuten. Aber was gibt dem Menschen das Recht irgendwas für sich zu beanstanden? Wem gehört die Welt? Wem gehört Leben?
Natürlich beantwortet Shakespeares Drama diese Fragen nicht, setzt aber interessante Akzente, die zum Grübeln einladen. „Mein ist dies Land“ prangert es an der Bühne. Am Ende haben zwar alle ihren Platz gefunden, wirklich gewandelt wurde niemand.
Und zum guten Schluss wird klar. Nicht einmal Prospero selbst ist eine freie Figur. Er gehört den Zuschauern, wendet sich durch die vierte Wand ans Publikum und muss selbst darum bitten, endlich „Nach Hause“ zurück zu kehren. Ohne den Applaus bliebe er, wie der Rest, gefangen im Bühnenbild.

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Foto: TLT

Inter- Aktive Schauspieler

Mit den Schauspielern sind durchwegs super Glücksgriffe gelungen. Jeder Darsteller hat großartig seine Rolle zum Tragen gebracht. Vieles ist auch den absolut magischen Kostümen vom Designer Markus Spatzier zu verdanken.
Marion Fuhs als Ariel wirkt so überirdisch und weltenwandernd, dass man sich ihrem Zauber und Gesang nicht entziehen kann.

Christoph Schlag als Caliban mimt einen wilden, naiven und doch irgendwie mitleidenswerten Sklaven, der aus tiefen Trieben handelt. Caliban weiß zwar, dass rechtlich das „seine“ Insel wäre, akzeptiert aber jede Art von Herrscher über sich, wenn er gut behandelt wird. Auf der anderen Seite will er Miranda triebgesteuert verführen. Er ist wohl das Motiv des uneden Wilden. Schlag ist das wunderbar gelungen.

Herrscher Prospero, dargestellt von Andreas Wobig ist stimmkräftig, wirkt weise und gleichzeitig ist er zunächst geblendet von Macht – und Rachegedanken. Erst der Luftgeist Ariel zeigt ihm den tugendhafteren Weg aus seiner Hölle heraus. Eine interessante Wendung. Wobig wirkt präsent und ist zwischen berechnendem Kalkül, als er seine Tochter mit Ferdinand verkuppelt, als auch liebevoller Vater die wahrscheinlich schillerndste Figur.

Kleiner angelegt sind die Rollen von König Alonso (Michael Arnold), Antonio ( Stefan Riedl), Gonzalo (Jan Schreiber) und Sebastian (Jan-Hinnerk Arnke). Diese vier Figuren funktionieren und agieren auch nur in dieser Konstellation, bis sie schließlich von Ariel in den Wahnsinn getrieben werden.

Für die Lacher und Auflockerung  waren Gerhard Kasal als Stephano und Johannes Gabl als Trinculo auf der Bühne in top Form. Shakespeare beabsichtigte schon zu Lebzeiten mit eben solchen Figuren mit dem Publikum in Berührung zu kommen. Unter anderem diese zwei Charaktere lockerten das ernste Schauspiel auf, sie waren die fehlerhaften, irren Figuren, die immer wieder für Schmunzler sorgten, trotz ihrer eigentlich niederträchtigen Absichten. Vielleicht weil die Beiden einen zu sehr an sich selbst erinnern, kamen sie gut beim Publikum an.

Fazit:

Natürlich ist Shakespears Stück  ein Stoff, den man vielleicht nicht gerade im Nebenbei aufnimmt. Mich persönlich hat das Gesehene, Gefühlte und Erlebte noch den restlichen Abend beschäftigt. Aber das finde ich eben gerade großartig an einem Schauspiel, das mal nicht nur auf Spaß und gute Laune aus ist.
Das Schwierigste an dem ganzen Stück ist die typische Sprache für Shakespeares Werke (hier in einer Übersetzung nach Erich Fried), da man sich in das poetisch künstlerische erst reinfühlen muss.
Susanne Schmelcher und dem Ensemble des TLT  ist eine großartige Inszenierung gelungen. Eine lebendige und magische Inszenierung lädt ein, sich in die mysteriösen Welten zwischen Luftgeistern und herrschsüchtigen Adeligen fallen zu lassen.
Ein bisschen schade ist, dass das große Haus nicht so ausverkauft ist, wie es sonst zum größten Teil der Fall ist.

Also wenn ihr nichts vorhabt! „Der Sturm“ ist absolut empfehlenswert und nebenbei könnt ihr dann noch angeben, einen echten Shakespeare gesehen zu haben – neben Romeo und Julia!

Karteninfo:
www.landestheater.at
Mail: kassa@landestheater.at
Tel: +43 (0)512 52074-4

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