Rezension „Nostradamus“ im Tiroler Landestheater 17.12.2016 (Premiere)

In vielerlei Hinsicht war die Premiere vom Musical „Nostradamus“ im Tiroler Landestheater eine Besonderheit: Ein volles Haus, Österreichische Erstaufführung und interne Verbundenheit durch die Schöpfer des Bühnenstückes – die Messlatte lag am 17.12.2016 ziemlich hoch.

Komponist Roger E. Boggasch war bis zu seinem Tod 2015 Operndirektor des Tiroler Landestehaters. Intendant Johannes Reitmeier steuerte einst den Text zum Musical bei und führte nun Regie bei der Österreichischen Erstaufführung. Die Besetzung ist mit großartigen Sängerinnen und Sängern bestückt, allen voran Uwe Kröger in der Hauptrolle.

30 Jahre Renaissance in drei Stunden

Bereits in der ersten Szene wird der Zuschauer gleich mitgenommen nach Frankreich im 16. Jahrhundert. Aus dem Off ertönt die Stimme des Nostradamus (Uwe Kröger), der seinem Sohn César (Lukas Thurnwalder) seine Lebensgeschichte diktiert.
Der junge Arzt Michel de Notredame lebt im Süden Frankreichs und versucht mit allen Mitteln die grassierende Pest zu bekämpfen. Doch vergeblich, sogar seine eigene Frau Marie (Adrienn Cunka) und die Kinder sterben an den Folgen der Seuche. Sein Freund und Gönner Jules Scaliger (Dale Albright) will ihn noch aufhalten, aber nach dem Verlust seiner Familie hält Michel nichts mehr in seiner Heimat. Als Quaksalber reist er durch Frankreich und die damals bekannte Welt und macht sich auch als Astrologe einen Namen. Denn Michel de Notredame plagen immer wieder seltsame Visionen, welche die Zukunft voraussagen sollen.

Nostradamus 6015.jpg
Foto: TLT

Seine angeblich präzisen Weißsagungen sind beim Volk ebenso bekannt wie beim Adel. Doch besonders die Kirche stößt sich daran, dass Notredame mit offenbar übernatürlichen Mächten im Bunde ist. Der Inquisitor von Lyon (Johannes Wimmer) sieht in dem Alchemisten eine Gefahr und lässt ihn foltern und vor Gericht stellen. Ausgerechnet Frankreichs Königin, Katharina di Medici (Astrid Vosberg), rettet Michel de Notredame das Leben. Sie möchte von seinen Weißsagungen profitieren. Denn bereits zuvor hat Notredame den Tod ihres Gemals, Henry II (Florian Stern) weißgesagt. 

Der König von Frankreich findet die Propheterien Notredames eher lachhaft und schickt den Seher wieder nach Hause in seine Heimat. Doch schon bald darauf wird Henry tödlich bei einem Turnier verwundet – genauso wie Notredame es vorhergesagt hatte. Durch diese Prophezeiung ist Notredames Name plötzlich in aller Munde – Nostradamus ist geboren.

Nach dem Tod ihres Mannes wird Katharina die Regentin in Frankreich, da ihr Sohn noch minderjährig ist. Sie schwört auf die Gaben Nostradamus‘ und holt ihn schleunigst zurück an ihren Hof. Doch dadurch macht sich Nostradamus nicht nur Freunde. Die Kirche sieht nach wie vor einen Scharlatan am Werk. Im Laufe seines Lebens wird Nostradamus ein gehetzter und kranker Weißsager, den auch die Liebe und Fürsorge seiner zweiten Frau nur notdürftig Ruhe finden lassen….

Glänzende Rollen und faszinierende Sänger
Stadttheater haben immer wieder mit dem Klischee zu kämpfen, dass dort das Niveau was Schauspieler und Sänger betrifft irgendwo an seine Grenzen stößt. „Nostradamus“ hat bewiesen, dass solche Vorurteile nicht immer zutreffend sind.
Jede einzelne Rolle wurde passend besetzt, die Darsteller knieten sich leidenschaftlich in ihre Aufgaben.

Adrienn Cunka als erste und zweite Ehefrau Nostradamus hat mit dieser Rolle ihr Debut am TLT. Die junge Sängerin war für mich mit eines der Highlights des Abends. Das Duett „Endlose Nacht“ gemeinsam mit Kröger hatte absoluten Gänsehautfaktor. Ihre klare, saubere Stimme hat Wiedererkennungswert und ich bin mir sicher, dass man noch einiges von ihr hören wird.

nostradamus-2023
Nostradamus (Kröger) wird von Jules Scaliger (Dale Albright) zur Vernunft berufen. Foto: TLT

Der Gönner und spätere Feind Nostradamus Jules Scaliger wird von Dale Albright verkörpert. In Innsbruck ist Albright schon lange ein Publikumsliebling. Dass er aber mit seiner Rolle als Scaliger so richtig gut kann, sieht man sofort. Aufbrausend, verzweifelt mit großartiger Bühnenpräsenz macht Albright als Scaliger Nostradamus das Leben schwer. Dies wurde auch mit viel Applaus belohnt.

Ebenso „Königin“ des Abends und das nicht nur auf der Bühne, war Astrid Vosberg. Als Katharina di Medici liegt ihr Streben darin, ihre Position und später die ihrer Kinder zu stärken. Ihre Duette mit Kröger begeisterten das Publikum ebenso wie ihre Solonummer. Majestätisch, stark und eisern interpretiert Vosberg ihre Katharina. Stimmlich gewaltig und dominant kam sie beim Publikum an.

nostradamus-2093
Henry II (Florian Stern) findet Nostradamus (Uwe Kröger)  eher nervig. Foto: TLT

Den Gatten der Königin, Henry II, gab Florian Stern. Seine Rolle ist zwar eher eine kleinere, aber dafür gesanglich umso anspruchsvoller. In jazzig-lässiger Manier mimt Stern einen arroganten König, dem seine Gemahlin, sowie die Warnungen Nostradamus zimliech egal sind. Gemeinsam mit seiner Mätresse Diane (Renate Fankhauser) gibt er einen eher witzig, aber nicht albernen Part im Stück, der die Handlung zwischendurch ein bisschen auflockert

Markant und gleichzeitig mit seinen Mönchen (Michael Gann, William Tyler Clark, Jannis Dervenis) eine der wenigen humorvoller behafteten Nummern perfektionierte Johannes Wimmer als Inqusitor von Lyon seine Intrigen. Sein Quartett „Ich will davon nichts hören“ war der erste größere Applaus des Abends und zeigte eben die Wandelbarkeit und Vielseitigkeit des Stückes. Als Inquisitor schreckt Wimmer vor keiner Grausamkeit zurück. So ist zwar die eine Gesangsnummer durchaus humorvoll, später bleibt der Inquisitor eine harte Figur. Die eingehende Bassstimme zeugten von guter Qualität ebenso wie die schauspielerischen Fähigkeiten.

 

Mit großer Dramatik, Deutlichkeit und tollen Choreographien umrahmte der Chor des TLT die Handlung. Ein Schauer jagt beim Pestchor über den Rücken. Die Chormusik ist eingängig und mitreißend. Vielfältige historische Kostüme verwandeln später die Sängerinnen und Sänger in die Hofgesellschaft. Es entsteht der Eindruck, dass unzählige Menschen auf der Bühne wandeln. 

Nostradamus Leiden, Pein und sein Leben

nostradamus-6177
Nostrdamus vertieft in seinen Schriften Foto: TLT

Dass es Reitmeier gelungen war, Uwe Kröger als Hauptfigur zu gewinnen, ist auf jeden Fall der absolute Glücksgriff. Vom ersten Auftritt auf der Bühne ist seine Präsenz, ebenso wie seine Hingabe für die Rolle des Nostradamus spürbar. Besonders ergriffen war ich allerdings von seinem Solo zu Beginn des zweiten Aktes, als Nostradamus an seinem Werdegang zweifelt. Auch im Zusammenspiel mit den anderen Darstellern fügt sich Kröger wunderbar gesanglich, als auch darstellerisch ein. Die Duette mit Vosberg, sowie mit Cunka sind absolute Highlights in der Produktion. Wirklich alles gegeben hat Kröger aber Richtung Ende des Stückes, als er den geplagten, von Gicht völlig zerstörten alten Nostradamus auf der Bühne gibt. Zwischen Schmerzen, Hilflosigkeit und Verzweiflung flackern seine  seine Visionen ein letztes Mal in einem spektakulären Finale auf. Stimmlich sicher und gut verständlich merkt man, dass Kröger wirklich Herzblut, viel Leidenschaft und Talent einfließen lässt, um die Rolle und Nostradamus lebendig werden zu lassen.

 

Musikalisches Aufgebot
Tatsächlich, die Biographie einer solchen historischen Figur auf die Bühne zu bringen bedarf einiges an Arbeit. Johannes Reitmeier sagte in Interviews, dass die Lebensgeschichte Nostradamus einem „Roman wie von Victor Hugo oder Alexandre Dumas“ gleiche. Und tatsächlich ist die Biographie der realen Figur von einigen Schicksalschlägen, Wendungen und Erlebnissen geprägt.

Wahrlich zauberhaft ist die Musik von „Nostradamus“. Da treffen barocke Klänge auf schlagerähnliche Songs,  jazzige Quartette werden von pop-musikalischen Solostücken abgelöst. Streckenweise zeigt sich, dass die Musik um die Jahrtausendwende geschrieben wurde. Gewisse Inspirationen aus anderen Werken dieser Fachrichtungen lassen sich nicht überhören. Grandios ist die große Instrumentenvielfalt, Cembalo trifft auf Percussion, Hörner müssen sich mit Bassgitarren engagieren. Heraus kommt eine große Palette an Liedern mit modernem Einschlag und historischen Bezügen.

Jürgen Tauber übernahm bereits 2000 die Orchestrierung des Stückes, auch am Tiroler Landestheater stand er als Musical Supervisor dem Kreativteam zur Seite. Hansjörg Sofka übernahm die musikalische Leitung und brachte sein Orchester gut und sicher durch den Abend.

Schillernde Kostüme und die Bühne als Universum

nostradamus-6164

 

Abgesehen von der schauspielerischen und musikalischen Leistung, waren es aber allem voran das Bühnenbild und die Kostüme, die atemberaubend jede Szene schmückten. Michael D. Zimmermann ist für Beides verantwortlich. Bei dieser Produktion kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass Zimmermann sich wirklich austoben durfte, was Kostüme, Accessoires und das Bühnenbild anging. Mit viel Gold, Prunk und Projektionen wurde der französische Hof der Medici zu Leben erweckt. Jedes Kostüm, egal ob Statist, Chorsänger oder Hauptrolle war zeitgenössisch geschneidert. Dabei wurde an Perlen, viel Glitzer und Unmengen Metern von Stoff nicht gespart. Es ist einfach eine Freude zu sehen, dass eben nicht am falschen Ende eingespart wurde, sondern dass offenbar hier nochmal wirklich schöpferisch alles ermöglicht wurde.
Sämtliche Kostüme sind nämlich handgeschneidertere Unikate, die am Haus selbst hergestellt wurden.

Eindrucksvoll auch die Bühnenbilder, die neben den ganzen Prunk durch Projektionen nochmals neue Tiefe gewinnen. So reisen Katharina und Nostradamus im Observatorium buchstäblich durch Zeit und Raum. In der düsteren Eingangszene wird mit Nebel und düsteren Gewändern der Pestchor eingeführt – ein Gänsehautmoment direkt zu Beginn.

Langer Applaus und große Feier

Das Tiroler Publikum ist vielleicht nicht so enthusiastisch wie in anderen Städten, dafür aber grundehrlich. Als der Vorhang im Finale fiel, wurde erst einmal lange freundlich applaudiert. Der Tiroler Zuschauer springt nicht sofort auf, nur weil Uwe Kröger auf der Bühne steht. Doch umso lauter und umso länger ging der Applaus, bis sich alle Darsteller verbeugt, der Chor präsentiert hatte. Dafür gab es schlussendlich doch die Standing Ovations und einen sehr langen wohlverdienten Premierenbeifall. Und das hat dann auch wirklich Gewicht!

Bei der anschließenden Premierenfeier, die öffentlich im Foyer ausgetragen wurde, konnten die Zuschauer dann nochmal auf Tuchfühlung mit den Darstellern gehen. Der Freundeskreis des Tiroler Landestehaters steuerte eine kulinarische Kleinigkeit bei. Schliesslich wurden dann die einzelnen Künstler vor und hinter der Bühne durch Operndirektore Angelika Wolff gelobt und mit einer Rose beehrt. Ebenso wurde noch einmal dem Komponisten Roger E. Boggasch mit frenetischem Applaus gedacht. Er hätte sich sicher über diese gelungene Premiere gefreut. 

20161217_230807.jpg
Laudatio für die Darsteller und Mitwirkenden vor und hinter der Bühne. Foto: Kulturkiwi

 

Fazit:

„Nostradamus“ im Tiroler Landestheater hat meine eigenen hohen Erwartungen deutlich übertroffen. Zugegeben, kurz nach dem Schlussvorhang habe ich erst ein bisschen überlegen müssen, ob mir das Stück jetzt absolut gefallen hat oder ob es etwas zu lang war.
Das liegt aber daran, dass Nostradamus GOTT SEI DANK!!! keines dieser Gute-Laune-Jukebox-Musicals ist, bei denen ständig nur alles fröhlich ist. Das Stück und auch die Fassung verlangen dem Publikum durchaus einiges ab, denn die Texte sind wirklich tiefgründig gestaltet und nicht nur stupide dahingereimt. Die Figuren sind mehrdimensional und auch die Geschichte ist aufgrund der Dichte an Action eben eher schwerer.
Schon im Schlussapplaus wurde mir aber klar, dass das Stück durch und durch eine Meisterleistung und der Beweis ist, dass gutes Musical mit Anspruch eben doch funktionert und funktionieren kann.

Wer also mal wirklich wieder ein anspruchsvolles Musical mit tollen Darstellern und großartiger Kulisse zu wirklich günstigen Konditionen (PK 1 gibt es ab 55 Euro!!!!!!) erleben will, der wird mit Nostradamus sicher nicht enttäuscht.

 

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Birgit sagt:

    Eindrucksvoll geschrieben

Kommentar verfassen