Rezension „Am Ziel“ im Innsbrucker Kellertheater (24.01.2017)

 

Eine erdrückende Mutter-Tochter Beziehung, eingepfercht im Korsett der Vergangenheit und fanatischer, selbstsüchtiger Mutterliebe. Ein sinnlos erfolgreicher Schriftsteller, der hoffnungslos als Ausweg missbraucht wird. Und dann ist da noch der absolut unfähige Theaterbesucher, der sich an solchen Dreiecksbeziehungen ergötzt. Thomas Bernhard ist ein Autor der starken Worte, ein Akt der Provokation und keines seiner Stücke scheut sich davor, der Gesellschaft den Spiegel vor zu halten.
Mit teils preisgekrönten Schauspielern hat das Innsbrucker Kellertheater sich Bernhards Schauspiel „Am Ziel“ angenommen und eine erdrückende und tragikomische Inszenierung auf die Bühne gebracht.

Krallende Hilflosigkeit

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Eleonore Bürcher, Bernadette Heidegger; Foto: Innsbrucker Kellertheater

 

Seit über 40 Jahren leben Mutter und Tochter in einer mittlerweile fesselnden Koexistenz zusammen. Die Witwe eines Gusswerksbesitzers fährt jedes Jahr mit der Tochter gemeinsam an ein Haus am Meer. Während der Reisevorbereitung erzählt die alte Frau schonungslos und sich selbst über die Vergangenheit. Sich als Opfer sehend, in ein Leben gepresst, dass sie nie wollte und doch ausnutzte, erzählt sie ihrer Tochter immer und immer wieder die selben Geschichten. Die Tochter hört meist schweigend zu, übernimmt die Reisevorbereitungen, stimmt zu und leistet resignierten Widerstand, der im Keim erstickt oder gar nicht wahrgenommen wird. In Verzweiflung kettet die Mutter sich an die Tochter, die Tochter kann  trotz aller Freiheitsträume nicht entkommen.
Heuer soll es etwas anders werden, denn die zwei Frauen haben einen dramatischen Schriftsteller zu sich ins Haus am Meer eingeladen. Der Autor hat zuletzt großen Erfolg mit einem Theaterstück gehabt. Sinnlos und überflüssig, wie die Mutter es findet. Die Tochter indes bewundert die vermeintliche Unabhängigkeit des dramatischen Schriftstellers. Sie hofft, dass der Schreiberling sie endlich aus dem Klammergriff der Generationen befreit. Am Ende sind die drei Figuren zwar physisch endlich am Ziel ihrer Reise angekommen und trotzdem so weit weg, wie nie zuvor.

 

 

Gescheiterte Rollen mit starken Darstellern

Thomas Bernhard schafft es mit seinen Dialogen und Darstellungen den Zuschauer immer wieder in eine unbequeme Position zu verweisen. „Am Ziel“ ist ein Schauspiel, dass sich besonders kritisch mit der Rolle des Theaters und der Zuschauer auseinandersetzt. Der „Dreck“ der auf der Bühne entsteht und der vom Publikum beklatscht wird. „Am Ende beklatschen sie ihren eigenen Tod“, schimpft die Mutter auf der Bühne. Es wird die Sinnlosigkeit eines erfolgreichen Stückes infrage gestellt. Wie kann ein Stück die Welt verändern? Wie kann ein Klassiker noch auf die heutige Zeit Einfluss nehmen? Wahrlich, die einst theaterbegeisterte Dame lässt kein gutes Blatt an der Bühnenwelt.
Überhaupt seien Entscheidungen aus der Notwendigkeit zu treffen. Die Mutter spricht angeekelt über ihren verstorbenen Mann, den sie angeblich nie liebte, aber schon allein wegen des Gusswerks und dem Haus am Meer heiratete. Ihren verkrüppelten Sohn, der früh starb, beschreibt sie als „Lebewesen“. Auch die Tochter sei als Kind eher hässlich aber mit liebenswerten Augen gewesen. Sie sieht sich als Opfer, die Tochter ist ihre Kreation, die nur ihr gehört und die sie nicht verlassen darf. Sie braucht eine Kreatur unter sich, um zu bestehen, verstehen und um ihr vermeintliches Unglück begreifen zu können.

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Bürcher, Heidegger; Foto: Innsbrucker Kellertheater

Die Tochter sieht in der Theaterwelt das Heil und die Flucht aus der korsetthaften Gegenwart. Im dramatischen Schriftsteller ist für sie der vermeintliche Ritter auf dem weißen Pferd gekommen, der mit Konventionen bricht und sie befreien soll. Aber der Befreiungsversuch schlägt schon darin fehl, dass sie es nicht schafft, sich aus der Umarmung und der zwanghaften Mutterliebe zu lösen.

Der dramatische Schriftsteller ist im Rampenlicht erfolgreich, sein Stück hat eingeschlagen. Aber in der Realität, gefangen zwischen den zwei Damen, kommt er trotzdem nicht an. Die Gedanken der alten Mutter kann er meist folgen und muss -trotz seines angeblichen Widerstandes gegen die Gesellschaft – klein beigeben. Eine Beziehung zur Tochter kann er nicht aufbauen, weil diese nicht die Verbindung schafft und die Mutter wieder dazwischen steht und darüber verfügt. Ein Fremdkörper, der sich schneller einfügt als erhofft.

Unter der Regie von Manfred Schild setzen Eleonore Bürcher, Bernadette Heidegger und Johannes Gabl die Geschichte gekonnt in Szene.

Die mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Schauspielerin Eleonore Bürcher gibt in ihrer Interpretation der Mutter eine dominante und ergreifende Figur ab. Vom ersten Moment des Stücks sitzt sie zentral auf der Bühne, hat den allermeisten Gesprächsteil, dirigiert und herrscht auf den paar Quadratmetern. Ihre Widergabe der Mutter krallt auch den Zuschauer und nicht selten bleibt ein schales Gefühl der Hilflosigkeit und Abhängigkeit zurück. Die teilweisen langen Monologe – denn die Mutter erwartet keine Reaktion auf ihre Fragen- und Geschichten packen an, nehmen mit und man fühlt sich unangenehm beim Zuhören, dennoch könnte man auch nicht aufhören zuzuhören. Bürchers Bühnenpräsenz füllt das Theater bis zur letzten Reihe aus, auf. Die Mutter lässt eben keinen Platz für Zwischenräume.

Bernadette Heidegger, im wahren Leben auch selbst als Schauspielerin und Regisseurin tätig, kann Bürchers Darstellung auf dialogischer Ebene nicht viel entgegensetzen. Zum einen, weil ein Großteil ihres Textes nur aus „Ja, Mama“, besteht, zum anderen, weil es die Rolle nicht zulässt. Umso großartiger zeigt sie in nonverbalen Verspieltheiten die eigentlich bedauerlichen Umstände der Tochter. Ihre Mimik, wütendes Stampfen und die verzweifelten Blicke, lassen mit der Tochter mitfühlen. Vielleicht ertappt sich der Zuseher auch selbst dabei, auf der gleichen Ebene wie die unmündige Frau zu leiden, die trotz aller Träume nicht aus ihrer Haut kann.

Johannes Gabl, der in dieser Saison auch schon bei Shakespears Sturm im Tiroler Landestheater auf der Bühne stand, ist  nur im zweiten Teil auf der Bühne zu sehen. Als leicht verwirrter, gänzlich unbeholfener Schriftsteller kommt er weder gegen die Mutter an, noch kann er die Stütze für die Tochter sein, die sie sich wünscht. Er wird geradezu in die Ecke gespielt. Mit ein bisschen Wortwitz und nach Worte suchend wirkt Gabl auf der einen Seite wie ein absolut unpassender Teil auf der Bühne – auf der anderen Seite wird er schnell in diese seltsame Koexistenz eingebunden.

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Eleonore Bürcher, Bernadette Heidegger, Johannes Gabl;  Foto: Innsbrucker Kellertheater

Mit zwei einhalb Stunden Laufzeit und einer Pause ist Bernhards „Am Ziel“ garantiert kein Stück der leichten Unterhaltung. Wortgewaltige Monologe, diffamierende Schimpftiraden – ein typischer Bernhard eben. Dennoch ist dem Kellertheater gelungen, ein großartiges Stück im intimen Rahmen der wenigen Sitzreihen zu inszenieren, dass die Zuschauer mitnimmt, bloßstellt und man trotzdem deswegen darüber lacht. In einfacher Szenerie ohne großen Fokus auf Bühne oder Kostüme, werden die Charaktere und deren Probleme rausgearbeitet. Mit drei genialen Schauspielern, die für sich, als auch im Dreieck funktionieren und agieren können, ist ein unterhaltsamer nachdenklich stimmender Abend gewährleistet. Absolut sehenswert!

Wer sich noch Karten sichern möchte, sollte schnell sein, denn das Kellertheater ist bekannterweise schnell ausgebucht. Noch gibt es aber einige Termine, eine Reservierung ist Pflicht und auch sonst lohnenswert.

Weitere Infomationen:

www.kellertheater.at

Reservierungen unter:
+43 512 580 743  (meist ein Anrufbeantworter, auf dem man seine Reservierung drauf sprechen kann. Wird nicht bestätigt. Oder eine Stunde vor Vorstellungsbeginn)

email: reservierung@kellertheater.at
Oder über dieses Formular (am einfachsten): Klick hier

Karten können nur am Vorstellungstag eine Stunde vor der Vorstellung abgeholt und bezahlt werden. Es herrscht freie Sitzplatzwahl. Allerdings bekommen die Gäste Post-It Zettel womit sie sich die Stühle in Anzahl ihrer Karten reservieren können, um dann nochmal was trinken zu gehen.

Es gibt auch eine kleine aber feine Bar im Theater. Die Preise sind absolut human.

Weitere Termine:

19., 21., 24.+25., 27.+28., 31. Januar sowie 1., 3.+4., 7.+8., 10.+11., 14.+15., 17.+18., 21.+22., 24.+25., 27. Februar und 1.-4. März

 

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