Uraufführung „Totentanz“ in den Kammerspielen (18.02.2018)

Jahrhundertealte Texte, Musik aus der Gegenwart und ein Tiroler Mysterienspiel aus dem 20. Jahrhundert – mit diesen Komponenten wurde die Kammeroper „Totentanz“ konzipiert. Gestern (18.02.2017) wurde das neue Stück aus der Taufe gehoben und feierte seine Uraufführung in den Kammerspielen in der Messe in Innsbruck.
Es ist ein Auftragswerk des Tiroler Landestheaters. Komponist Kenneth Winkler, der bereits für andere Produktionen des TLT die Musik beisteuerte, setzte die Tragödie Franz Kranewitters „Totentanz“ in Musik mit modernen Elementen um.


Unter der Regie von Alexander Kratzer und mit Bühneneinrichtung und Kostümen von Gera Graf wurde ein komplexer Einakter geschaffen.

Weltentrückte Habgier

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Dale Albright, Susanna von der Burg   Foto:TLT

In einem Tiroler Bergdorf haben Pest und Krankheit gewütet. Nach und nach sind sämtliche Dorfbewohner dahingerafft und gestorben. Einzig das Totengräber-Pärchen hat die grauenvollen Seuchen überstanden. In ihrer Gier plündern und raffen sie sämtliche ehemalige Besitztümer der Dorfbewohner an und fühlen sich nun als die Herrscher einer dunklen Welt. Doch ihre Freude währt nur kurz, denn der Tod und Todin erscheinen wieder, um auch die letzten zwei verbliebenen Menschen zu holen. Es hilft kein Betteln um Gnade, die Totengräber müssen sterben. Der letzte makabre Luxus, die ihnen der Tod gönnt, ist dass sie entscheiden dürfen, wer als erstes sterben soll. Ein letzter Kampf ums sinnlose Überleben beginnt.

Das Libretto  und die Handlung der Kammeroper basieren auf Franz Kranewitters Einakter „Totentanz“, den der Tiroler Dramatiker einst als Finale für seinen Dramenzyklus „Die sieben Todsünden“ konzipierte. Bereits in Kranewitters Mysterienspiel kommen ein „Tod“ und eine „Todin“ vor. In der Kammeroper wurden die zwei schwarzen Figuren um die Charaktere der „Stimmen“ erweitert. Mit Gedichten des Barock-Lyrikers Andreas Gryphius (1616-1664), der besonders für seine apokalyptischen Verse bekannt ist, sowie des Kirchenlieddichters Paul Gerhardt (1607 – 1676) wurde dementsprechend das Libretto ergänzt.

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Kenneth Winkler Foto:TLT

Kenneth Winkler setzt in seiner musikalischen Interpretation des Werkes nicht auf eingängige Melodien. Viel mehr erschafft er mittels Klavier, Cello, Bratsche, Posaune und Trompete eine eigene Klangwelt, an der sich die Sängerinnen und Sänger orientieren. Hinzu kommt elektronische Musik, welche das Tiroler Ensemble der Neuen Musik (TENM),  unter der Leitung von Hansjörg Sofka, unterstützt und weiterträgt. So entstehen keine Szenen, sondern viel mehr Stimmungen und Emotionen in denen die Handlung eingebettet ist.

Florian Stern und Susanna Langbein spielten emotionslos und kalt den Tod und die Todin. Kostüm- wie Maskenbildner haben hier tolle Arbeit geleistet und zwei Figuren geschaffen, „denen man nicht im Dunklen begegnen möchte“, wie Intendant Johannes Reitmeier die beiden beschreibt. Gesanglich setzten sich die Beiden hervorragend mit ihren Partien auseinander, mussten immer wieder zwischen hohen und tiefen Stellen wechseln, was einiges abverlangt. Besonders Langbein als Todin hat mich beeindruckt, da ich sie bisher persönlich immer nur in „netten“ Rollen (z.B. als Liù in Turandot, Gretel in Hänsel und Gretel) erlebt habe. Die dunkle, kalte und apokalyptische Figur steht ihr ausgezeichnet. Stern konnte mit bedrohlicher Aura und starken Stimmvariationen überzeugen.

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Susanne Langbein, Florian Stern    Foto:TLT

Als „Stimmen“, geisthafte Wesen, die im Gegensatz zu den Toden durchaus Empathie besitzen, kamen Camilla Lehmeier und Joshua Lindsay zum Einsatz. In ihren Rollen zitierten sie die barocken Gedichte von Gryphius und Gerhardt, wodurch sie dem ganzen Geschehen entrückt sind, wie eine Art Chor, die einst die Mysterinespiele im Mittelalter und die Dramen in der Antike kommentierten. Die Schwierigkeit der Rollen lag sicherlich darin, dass auch hier keine feste Melodie oder Motivik herrschte, sondern in den Situationen und Auftritten immer wieder eine neue, bedrohlich, surreale Stimmung durch ihren Gesang erschaffen wurde. Dass Gedichte aus der Zeit des 30-jährigen Krieges in Kontext mit einem Drama aus dem 20. Jahrhundert wirkungsvoll die Thematik erweitern können, zeigt sich anhand dieser zwei Figuren.

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Susanna von der Burg   Foto:TLT

Susanna von der Burg und Dale Albright überzeugten als Totengräberin und Totengräber. Essind einfältige Charaktere, mit vulgären Texten und triebhaft gierigen Verhalten. Gerade das machte die Zwei herrlich lebendig  zwischen den nahezu körperlosen Gestalten. Albright und von der Burg soffen, beleidigten und waren grotesk schamlos. Wenn es überhaupt so etwas wie Motivik in dem Stück gab, dann in den Auftritten der zwei Totengräber. Mit Bravour und einer Selbstverständlichkeit zauberten die zwei altehrwürdigen Darsteller ein widerliches Paar, dass am Ende doch ganz kleinlaut versucht, wenigstens die eigene Haut zu retten. Grotestk und menschlich zugleich.
Schon Kranewitter setzte in seinem Stück den Kunstgriff ein, indem er das Totengräber-Paar mit Tiroler Dialekt sprechen ließ. Gesanglich war das leider eher hinderlich und streckenweise war der Text leider etwas unverständlich.

Gewöhnungsbedürftiger Klangzauber

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Camilla Lehmeier   Foto:TLT

Kenneth Winklers Musik ist gewöhnungsbedürftig. Wer in „Totentanz“ geht und sich einen Opernabend à la Verdi, Strauss oder Mozart vorstellt, wird wahrscheinlich erst mal richtig überrumpelt. „Totentanz“ webt einen Klangteppich und baut musikalisch eine ganz eigene mystisch, unheilbringende Stimmung auf. Statt auf Akzenten oder Brüchen zwischen elektronischer Musik und Musikern setzt Winkler auf eine Einheit zwischen den beiden Elementen. Das Bühnenbild wirkt ohne großartige Ausstattung. Mit feiner Beleuchtung und  kalten Farbtönen wird die düstere, groteske Atmosphäre bis in die letzte Reihe fühlbar. Die einzig lebendigen Figuren in dem Stück sind so so niederträchtig und verzerrt, dass ausgerechnet die mystischen Wesen wie die Stimmen oder der Tod und die Todin real und greifbar werden. Das Zusammenspiel zwischen elektronischer Musik, realen Instrumenten und Gesang wirkt mystisch wie aus der Anderswelt und beschert Gänsehaut.
Das Werk in ein „gutes“ oder ein „schlechtes“ Stück zu kategorisieren macht für mich persönlich nicht viel Sinn, weil ich keine vergleichbaren Maßstäbe habe. Oper 2017 ist anders als 1817, neue Instrumente und Interpretationsräume öffnen neue Möglichkeiten.

Intendant Johannes Reitmeier sagte auf der anschließenden Premierenfeier, dass Uraufführungen und neue Werke durchaus ein „Wagnis“ seien.

Aber sie können funktionieren. „Totentanz“ funktioniert durchaus, wenn man bereit ist,  sich von den alten Erwartungen und Mustern zu lösen. Es wurde etwas neues und einzigartiges geschaffen, dass einen faszinierenden Reiz bietet, entgegen aller Konventionen. Ganz nach Kranewitters Dystopie gelten alte Richtlinien hier nicht viel. „Totentanz“ ist sehenswert, vielleicht ein bisschen schwierig beim ersten hinhören, und vorallem ein wundervoll bedrohlicher Klangzauber.
Dass der Auftakt des Stückes gelungen ist, zeigte der nicht enden wollende Schlussapplaus, sowie eine gut besuchte Premierenfeier im Anschluss, wo nochmal alle Beteiligten auf den Erfolg der Uraufführung anstießen.

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Foto:TLT

Weitere Informationen und online Reservierung/Buchung:
www.landestheater.at

In den Kammerspielen in der Messe
Ingenieur-Etzel-Straße 10
6020 Innsbruck

Tickets unter: +43 (0)512 52074-4
Mail: kassa@landestheater.at

Besetzung:

Musikalische Leitung Hansjörg Sofka

Regie Alexander Kratzer

Bühne & Kostüme Gera Graf

Totengräber Dale Albright

Totengräberin Susanna von der Burg

Tod Florian Stern

Todin Susanne Langbein

Stimmen Camilla Nadja Lehmeier, Joshua Lindsay

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  1. Sonja sagt:

    Toll geschrieben, werde mir das Stück vielleicht doch mal ansehen.

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