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Ein bisschen Gier für jeden – Tanz der Vampire in St.Gallen (15.05.2017)

Durch einen wahnsinnig glücklichen Zufall, konnte ich am 15.5. die vorletzte Tanz der Vampire Vorstellung im Theater St. Gallen in dieser Saison besuchen! Ein ziemlich spannender Kurzausflug ins moderne Transsilvanien von heute.

Kleines Theater und neuer Aufbau

Wer noch nicht in St. Gallen war – es ist eine kleine, feine, süße Stadt in der Schweiz in der Nähe am Bodensee. Dementsprechend ist auch das Theater St. Gallen absolut überschaubar. Von der Architektur muss ich sagen, gab es schon schönerere Theater, die ich besucht habe. Ein Riesenfoyer und große Treppen empfangen den Besucher. Innen drin sind die die Sitze SEHR eng aneinander gereiht, es gibt noch einen Rang. ABER: Man sieht dadurch auch von allen Plätzen relativ gut.

Das Theater St. Gallen hat sich in einer eigenen Fassung dem Werk von Jim Steinman und Michael Kunze gewidmet. Unter der Regie von Ulrich Wiggers wird die gesamte Geschichte rund 100 Jahre später in unsere Zeit adaptiert. Das Gasthaus weicht einem Sanatorium, das Schloss ist ein bisschen moderner. Aber der Reihe nach.
Die Geschichte ist die Gleiche:

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Foto: Theater St. Gallen

 

Forscher Professor Abronsius und sein Assistent Alfred sind in Transsilvanien unterwegs. Die Existenz von Vampiren will der Wissenschaftler beweisen. Durch einen Schneesturm verirrt es die beiden (in St.Gallen) in ein Sanatorium. Dort ist auffallend, dass die Gäste hoch und heilig auf Knoblauch schwören. Ein erstes Indiz, dass es hier offenbar mehr gibt, als schräge Kurgäste. Sanatorien-Leiter Chagal zeigt den Neuankömmlingen ihr Zimmer, wo Alfred im Badezimmer auf Sarah trifft – die Tochter von Chagal und eine echte Augenweide.
Doch nicht nur Alfred verguckt sich in das junge Mädchen. Auch Graf von Krolock hat ein Auge auf Sarah geworfen. So lädt er sie zu sich zum Mitternachtsball ein. Sarah, die genug hat von Knoblauch-Kuren und langweiligem Teenie-Dasein haut mitten in der Nacht ab. Chagal versucht sie noch zurück zu holen, wird aber am nächsten Morgen tot gefunden – blutleer und mit winzigen Bissmalen am Hals. Abronsius ist überwältigt. Als Chagal von den Toten auferwacht schaffen es der Professor und Alfred mit ihm zum Schloss des Grafen von Krolock… der die beiden schon längst erwartet hat…..

 

Moderne Inszenierung mit Gruselcharme

Tanz der Vampire ist ja ein heißes Eisen für die Musical-Gesellschaft. Da ist es schon eine Gratwanderung, den richtigen Grafen auszuwählen. Den gesamten Stoff gleich umzugestalten war für viele ein Sakrileg. Aber es ist größtenteils gelungen. Gut gefallen haben mir die moderne Aufmachung von Professor Abronsius, der um einiges jünger, aber genauso nerdig daher kommt. Auch Chagals Frau Rebecca erhielt ein Make-Over und ist zwar immer noch kugelrund, aber sieht um einiges hübscher und gepflegter aus – eine liebende Mutter eben. Sarah hat sich in ein Mädchen am Ende ihrer Teenie-Zeit verwandelt (mit Marilyn Manson-Poster im Jugendzimmer) und Alfred wurde ein schüchterner, aber durchaus attraktiver Student, der seinen Professor unterstützt.
Da das Theater St. Gallen ein Stadttheater mit Mehrsparten-Produktion ist, war es keine Überraschung, dass sie sich was neues einfallen lassen mussten, um dem Musical gerecht zu werden. Mit einer Hebebühne und wenig großen Umbauten wird die gesamte Fläche bespielt, ohne zu viele Details hin und her zu räumen. Das Sanatorium hat längst seine besten Zeiten hinter sich und wirkt wie eines von diesen Gruselkrankenhäusern. Kleiner Hinweis. schaut euch mal die Hotelgäste ein bisschen genauer an… die sind nicht alle das, für was man sie hält 😉

Von Krolocks Schloss ist dafür leider ein bisschen mehr der Fantasie überlassen. Dadurch, dass der Text nicht geändert wurde, ist es etwas seltsam, wenn Abronsius vom „Spätes 13. Jahrhundert“ singt und Krolock aber auf einer modernen Freitreppe steht.
Gut umgesetzt, aber an Charme verloren haben hat auch die Nightmare-Szene. Die Vampire kriechen durch Gemälde durch und turnen nicht mehr so sehr herum, wie im Original. Eine witzige Idee ist, dass die Krolock und Herbert wissen, was die zwei Sterblichen vorhaben. Sie beobachten oft Szenerien und amüsieren sich über deren diletantisches Vorgehen.

Umso toller fand ich dafür die Tanzszene der roten Stiefel. Hier wurde noch ein Chagal-Tanzdouble eingefügt und Sarah ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Familie und dem mysteriösen Grafen – toll durchdacht und umgesetzt, das hat mir sehr gut gefallen.
Auch die Verwandlung der Vampire wird anders inszeniert. Auch Sarah muss vom Grafen Blut saugen, um unsterblich zu werden.

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Foto: Theater St.Gallen

 

Verantwortlich für die Kostüme ist Franz Blumauer. Und er hat sich besonders bei den Vampiren ins Zeug gelegt. Mit farbigen Kontaktlinsen, einer Spur Gothic und Exzentrik machen die Untoten Edward und Co Konkurrenz. Auch Graf von Krolock wurde neu gestylt und wirkt wie Clooney und Hexer von Salem, der mit durchaus menschlichen Trieben zu kämpfen scheint. Mit Pelzmantel oder oder halboffenem Hemd wächst da so manche Fantasie.

Starke Sänger und ein belangloser Diener.

Die gute Nachricht zuerst: ES GIBT EINE GESCHEITE BAND!
Nein kein Orchester, aber es gibt was akustisches auf die Ohren! Und später auch für die Augen.
Gesanglich ist die Besetzung gut ausgewählt und abgestimmt aufeinander.

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Thomas Borchert Foto: Theater St. Gallen

 

Thomas Borchert als Graf von Krolock ist sowieso sichere Materie. In dieser Inszenierung spielt er einen machtvollen Grafen, Sarah vorallem besitzen will und mit ihr tun möchte, was ihm beliebt. Auf der anderen Seite zeigt er Momente der inneren Zerissenheit. Absolutes Epos: Die unstillbare Gier. Noch nie habe ich so eine geniale Interpretation davon gehört und es war Gänsehaut pur. Dem musste sogar meine Tante zustimmen und die ist absolut auf Steve Barton geeicht. Besonders interessant ist auch die Beziehung zu Alfred. Diese wird nicht nur als Spiel um Sarah gestaltet, sondern da ist durchaus auch noch etwas anderes… was es ist…. sei euch überlassen.
Absolut toll auch die „Totale Finsternis“. Borchert am Flügel, zwischen Kerzen versucht Sarah zu betören. Ich bin mir auch fast sicher, dass er selbst spielt.

Als Alfred steht Tobias Bieri auf der Bühne. Der Schweizer ist ein richtig gutaussehender Assistent. Seinen Akzent kann er nicht immer verbergen, was es aber fast schon niedlich klingt. Mit Jeans, Hemd und Wollpulli ist Alfred zwar brav, aber durchaus attraktiv angezogen. Mir gefällt es, dass mal nicht nur ein „Bübchen“ um Sarahs Liebe kämpft. Gesanglich klar und offen versteht man ihn sehr gut, schauspielerisch ist er sicher und man nimmt ihm die Rolle ab. Ein junger Mann, der zum ersten Mal verliebt ist.

Tobias Bieri, Mercedesz Csampai Foto: Theater St. Gallen

Für Sarah wurde Mercedesz Csampai gecastet. Die Sängerin hat eine tolle Ausstrahlung, eine kräftige Stimme und singt und spielt gut verständlich. Es ist schön, dass in der St. Gallener Fassung Sarah aus der Naivität etwas raus gehoben wird. Es zeigt mehr, dass Sarah eben noch ein Teenie ist, aber Träume hat und sich von zu Hause loslässt. Dadurch wirkt das Mädchen wesentlich selbstbewusster als im Original. Csampai trifft alle Töne und kann sich gut aufs Spiel und den Gesang mit anderen Partnern einlassen. Tolle Besetzung.

Etwas quirlig, laut und anstrengend war Sebastian Brandmeir als Professor Abronsius. Der alte kauzige Wissenschaftler ist einem jüngeren, aber ebenso neugierigen und überambitionierten Forscher gewichen. Brandmeier singt gut und hat Unterhaltungswert. Mir fehlen ein bisschen die Power hinter der Stimme und die hohen Töne.
Auch die Nebenrollen wurden gut ausgewählt. Jerzy Jeske hat bereits vor 10 Jahren in Hamburg den Chagal gespielt. Er war quasi mein erster Chagal und hat in all der Zeit nichts an Witz verloren. Gut gesungen, war er auf jeden Fall einer der Publikumslieblinge. Ebenso war Magda großartig was Gesang und Darstellung angeht. Insgesamt war die St. Gallener Magda fordernder. Schade, dass das Duett im 2. Teil in der Gruft gekürzt wurde.

Ein Riesenkritikpunkt ist Koukol. Thomas Huber gab zwar sein Bestes, aber Koukol ist nur ein tiefenloser Diener ohne Witz und Charakter. Er bedient Abronsius und Alfred ebenso höflich wie seinen Herren von Krolock. Es besteht keine Anhänglichkeit oder dergleichen. Das liegt nicht an Huber sondern an der Auslegung durch die Inszenierung. Der Bucklige wird nahezu belanglos.

Christian Funk mimt einen traumhaften Herbert mit knackigem Hintern 😉 er geht auf in seiner Rolle und singt gekonnt mit eingängiger Stimme.

Fazit

Tanz der Vampire in St. Gallen ist eine neuartige Inszenierung die provoziert. Vampire wandeln unter Menschen, jeder giert nach etwas, keiner ist makellos. Mir gefällt der neue Anstrich und die neue Tiefe mancher Figuren.

Ein paar Dinge gefallen mir besser – z.B. die Choreographie und die Umsetzung dass die Krolocks alles wissen.

Andere Sachen werden im Original besser umgesetzt. Auf jeden Fall ist St. Gallen sehenswert und eine gelungene Neuinterpretation.

1 thought on “Ein bisschen Gier für jeden – Tanz der Vampire in St.Gallen (15.05.2017)”

  1. Ich kommentiere eigentlich nie, aber ich finde es spannend, dass wir unsere Eindrücke so sehr ähnlich sehen. Ich schaue mir die St. Gallener Vampire noch ein zweites Mal an. Ich hingegen fand auch Koukol hervorragend. Insgesamt für mich ENDLICH die erste überzeugende TdV Inszenierung.

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