Romantisch-wirre Fantasien – „Hoffmanns Erzählungen“ im Tiroler Landestheater

ENDLICH ist die Sommerpause um. Passend mit der Eröffnungspremiere zur neuen Saison des Tiroler Landestheaters melde auch ich mich aus meinem Sommerschlaf zurück. Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ entführt uns in die Welt der Liebe mit offenbar realistischen Lösungsansätzen… Viel Spaß beim Lesen
Eure Kiwi

Nahezu ausverkauft ist die Premiere von „Hoffmanns Erzählungen“ im Tiroler Landestheater. Die fantastische Oper des französischen Komponisten feierte 1881 seine Uraufführung in Paris. Als Vorlage dienten drei Novellen des deutschen Romantik-Schriftstellers E.T.A. Hoffmann. Offenbach verknüpfte die sehr seltsamen Storys zu einem Handlungsstrang. Hoffmann selbst ist Protagonist und erlebt in Sachen Liebe nicht gerade rosige Erlebnisse.

 

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Sophia Theodorides, Dale Albright, Florian Stern, Ensemble. Foto: TLT

Inhalt

In einer Kneippe gibt sich der Künstler Hoffmann ganz dem Alkohol hin. Immerhin, dem Rausch entspringen seine Ideen. Dementsprechend ist seine personifizierte Muse daran interessiert, dass Hoffmann auch weiterhin sich von ihr küssen lässt. Doch ausgerechnet die Frauenwelt macht dem Künstler zu schaffen und grenzt seine Fantasie ein. Die Opernsängerin Stella scheint seinem Werben nicht nachzugehen. In Wirklichkeit hat der Geschäftsmann Linman gesendete Liebesbriefe Hoffmanns abgefangen und sich so selbst an Stella rangemacht. Gekränkt von unerwiderter Liebe ertränkt sich Hoffmann im Alkohol. Seine Muse beschließt, Hoffmann endgültig der Liebe zu entsagen und verwandelt sich in den Studenten Nicklausse, der nun dem Künstler zur Seite steht.
Seine Trinkkumpanen fordern Hoffmann auf, von seinem Liebesleben zu berichten und Hoffmann verfällt in alte Erinnerung.

Seine erste Liebe ist Olympia. Die schöne Tochter des Erfinders Spalanzani gilt als absolut perfekt und  makellos. In Wirklichkeit handelt es sich um eine mechanische Puppe. Allerdings fehlen ihr die Augen für einen lebendigen Blick. Der mysteriöse Coppelius verkauft Spalanzani ein Augenpaar, so dass die Puppe lebensecht wirkt. Hoffmann bekommt eine Brille, die die Welt perfekt und ohne Fehler als Trugbild zeigt. So verliebt er sich in die vermeintlich schöne Tochter Spalanzanis. Als sie mechanisch und simpel ein Lied vorträgt merkt er nicht mal, wie sie wieder aufgezogen werden muss. Am Ende taucht Coppelius auf und fordert von Spalanzani seinen Lohn für die Augen. Da er nicht ausgezahlt wird, zerstört er vor Wut Olympia. Hoffmann merkt erst jetzt den Betrug und flieht mit Nicklausse vor der spottenden Gesellschaft.

Etwas später sucht er die schöne Antonia. Antonia ist mit ihrem Vater Crespel geflohen und betrauert zudem den Tod ihrer Mutter. Die Mutter verstarb an einer seltsamen Krankheit, nachdem sie gesungen hatte. Aus Angst, dass Antonia das gleiche Schicksal ereilen könnte, verbietet Crespel seiner Tochter den Gesang. Auch Hoffmann bittet  Antonia inständig, nicht zu singen und dem Ruhm zu entsagen, um seine Frau zu werden. Zunächst sagt Antonia zu. Da taucht der ominöse Dr. Miracle auf. Der Arzt hat bereits Antonias Mutter zu Tode kuriert. Er weckt in Antonia die Illusion, dass die Stimme ihrer Mutter aus dem Jenseits nach ihr ruft. Antonia gibt dem Rufen nach und beginnt ein Lied zu singen. Sie verfällt in Wahnsinn und stirbt. Hoffmann, der dies nicht verhindern kann, bleibt nichts anderes, als mit Nicklausse wieder weiterzuziehen.

Mittlerweile hat der Künstler genug von der Liebe und den Frauen. In Venedig will er mit Nicklausse das Leben und das Spiel genießen. Da begegnet er der Kurtisane Giulietta. Giulietta ist dem seltsamen Dappertutto verfallen. Dappertutto besitzt einen Diamanten, der jede Frau verführen kann. Er verspricht Giulietta den Diamanten, wenn sie Hoffmanns Spiegelbild an sich reißen kann. Bereits zuvor hatte Giulietta dem Freier Schlemihl den Schatten gestohlen, nun soll sie dieses Kunststück nochmal ausführen. Giulietta umwirbt und umgarnt Hoffmann. In brennender Liebe und Begehrung will er der Kurtisane alles versprechen und vergibt somit auch sein Spiegelbild. Da taucht Schlemihl auf und fordert Hoffmann zum Kampf heraus, weil er immer noch um Giulietta buhlt. Hoffmann besiegt und tötet Schlemihl. Da erst erkennt er, dass Giulietta ihn nur benutzt hat. Gebrochenen Herzens flieht er aus Venedig, nachdem Nicklausse ihn warnt, dass Schlemihls Leiche gefunden wurde. Giulietta verschwindet mit Dappertutto und ihrem Zwerg, der sie begleitet, in die Nacht.

Zurück in der Gegenwart kündigt sich Stella in der Kneipe an. Nicklausse fordert Hoffmann auf, sich zu entscheiden. Will er der Kunst frönen oder der Liebe? Hoffmann sinniert und schickt Stella mit Linmann fort. Gemeinsam mit den Trinkfreunden stößt er weiter an. Die Muse triumphiert, dass Hoffmann endgültig ihr gehört.

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Jomanté Slezaité, Christianne Belanger, Dominik Sutowicz,  Foto:TLT

 

 

Rezension:
Regisseur Thaddeus Strassberger inszeniert die Oper mit vielen fantastischen Elementen. Die Kneipe ist ein kaltes graues Atelier wie in einer Art Guckkasten. Fantasielos, wie Hoffmann zu Beginn, sind auch die Maler als Trinkkumpanen und die Bilder, die sie malen. Mit Einsetzen der Erinnerungen entstehen skurille, farbenfrohe und düstere Bilder, die in das Geschehen reinziehen.
Besonders beeindruckt war ich von der Szenerie Venedigs mit den Gondeln und Wellen, die auch gleichzeitig wie eine Art Labyrinth die Figuren in die Irre führten. Das Pfauenkleid der Olympia, das schillernde Barock-Kostüm Spalanzanis oder die skurillen Unterröcke der Chorsänger sind nur einige Highlights der Kostüme, die aus der Schere bzw. dem Skizzenblatt Michael Zimmermanns entspringen.

Gesanglich souverän meisterten Haupt- wie Nebenfiguren ihre Einsätze.

Sophia Theodorides als Olympia fand nicht nur stimmlich faszinierende Höhen. Die Automaten-Puppe der buchstäblich die Sicherungen durchdrehen fanden beim Publikum großen Anklang wie der Applaus bewies. Susanne Langbein mimte eine verträumte und unschuldige Antonia, die besonders im Lied mit der Mutter ihr stimmliches Können zeigen konnte. Im Vergleich zu anderen Rollen wirkte sie allerdings etwas blasser als sonst.
Jomanté Slezaité verführte als Giulietta das Publikum. Besonders im Duett mit Nicklausse konnte die Sängerin sich behaupten.
Kurzfristig eingesprungen für die erkrankte Camilla Lehmeier ist Christianne Bélanger als Muse/Nicklausse. Tadellos mit viel Charme führte sie Hoffmann aus mancher Situation, freute sich aber auch schelmisch, wenn die Liebe wieder versagt hat.

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Dominik Slutowicz, Jomanté Slezaité  Foto: TLT

 

Protagonist Hoffmann wird durch Dominik Sutowicz verkörpert. Der polnische Sänger wirkte anfangs etwas zurückhaltend, konnte aber besonders in den Arien viel Gefühl reinbringen. Seine Gegenspieler Lindorf/Coppelius/Dr. Miracle/Dappertutto wurden stets von Bernd Valentin verkörpert. Darstellerisch nicht so überzeugend, war es besonders das Lied über Diamanten, das dafür wirklich für Gänsehaut sorgte.
Vielseitig und wandelbar zeigte sich Florian Stern an diesem Abend. In Rollen der rechten Hand verschiedener Charaktere wechselte er nicht nur mehrmals das Kostüm, sondern zeigte sich facettenreich. So macht er sich als Cochenile unter Spalanzani buchstäblich zum Affen und zeigte viel Körpereinsatz. Als Zwerg Pitinachio verführte er die Giulietta, als Butler Franz träumte auch er von einer Gesangskarriere mit Talent. Dabei konnte er stimmlich passend und gut überzeugen.
Dale Albright als Spalanzani gab der Rolle wieder seinen eigenen Touch, der beim Publikum gut aufgenommen wurde.

An dieser Stelle, ein Lob an den wahnsinnig guten Chor, der besonders mit dem Finale überhaupt einen Höhepunkt setzt, der das ganze Stück mit Gänsehaut und Atemlosigkeit beendet. Um es mit den Worten eines Zuschauers zu kommentieren: „So möchte ich ins Paradies kommen.“

Mit rund 3 Stunden Dauer und zwei Pausen ist Hoffmanns Erzählungen eine wirklich abendfüllende Oper. Solide inszeniert mit ein paar netten Effekten und Anspielungen wirkt der 4 Akter  nicht zu schwer, große Überraschungen sind aber nicht zu erwarten. Rundum eine schöne Inszenierung, die einen guten Opernabend verspricht.

Letzten Endes zeigt die Oper dann doch mit etwas Ironie: Bei Liebeskummer kann Alkohol manchmal eine Lösung sein. Zumindest bei Hoffmann.

Im Anschluss stieg die öffentliche Premierenfeier mit DJ und Tanz, bei der sich Intendanz, Darsteller und Gäste zu einen gelungenen Saisonauftakt beglückwünschen dürfen.

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Foto: TLT

Hoffmanns Erzählungen läuft ab jetzt im Tiroler Landestheater

Info: http://www.landestheater.at

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