Verirrt und (Un)GLAUBlich – „Geächtet“ in den Kammerspielen (Premiere)

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Am 1. Oktober trat das neue Gesetz zum Verhüllungsverbot in Österreich in Kraft. Gesichtsverhüllungen wie etwa auf einer Demo, aber auch im Rahmen einer Glaubensausrichtung sind nicht mehr erlaubt. Ein Gesetz, das für Diskussion in der Bevölkerung sorgt, stellt es vor allem wieder den muslimischen Glauben in den Fokus.  Schicksalshafterweise feierte am selben Tag auch das Schauspiel „Geächtet“ von Ayad Akhtar in den Kammerspielen seine Premiere. Ein aktuelles und brisantes Stück, geht es  um den Islam, die westliche Welt und Identitäten. Eine zündstoffreiche Mischung…
In Zeiten, in denen Terror, Flüchtlingswellen und Glaubensfragen die Schlagzeilen dominieren, ist der Umgang mit dem Islam, anderen Religionen und Kulturen sehr brisant geworden. Was ist politisch korrekt, wie viel Glauben macht mein Ich aus? Und wohin gehört eigentlich ein jeder? Der US-amerikanische Autor Ayad Akhtar brachte 2013 das Schauspiel „Geächtet“ auf die Bühne, in dem plakativ und doch tiefgründig sich damit auseinandergesetzt wird, wie doppelbödig und zwischenzeilig das Thema Glaube und Identität werden kann.

 

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Johannes Gabl, Jan-Hinnerk Arnke  Foto:TLT

Inhalt:
Amir Kapoor (Jan-Hinnerk Arnke) ist Rechtsanwalt in New York. Als Sohn muslimischer Einwanderer aus Pakistan hat er sich selbst zum Erfolg hochgearbeitet und ist ein wunderbares Beispiel gelungener Integration: Seine Frau Emely ist weiße Künstlerin, seine Wohnung liegt in bester Lage. Er arbeitet in einer Kanzlei jüdischer Rechtsanwälte und hat Chancen, selbst ein Partner zu werden.  Emely ist Malerin und entdeckt begeistert die islamische Welt und Kunst für sich. Im Gegensatz zu Amir, der dem Islam und deren Vorstellungen komplett abgeschworen hat. Sogar seinen muslimisch klingenden Namen hat er abgeändert. Dann ist da noch Amirs Neffe Abe, der eigentlich Hassan heißt (Tom Hospes), und gerade ein bisschen mit den Werten der Gesellschaft, dem Glauben und sich hadert. Er bittet Amir, bei einem Prozess einen Imam zu verteidigen, der in Verbindung mit terroristischen Gruppen gebracht wird. Amir sieht der Sache sehr skeptisch entgegen, beteiligt sich aber gemeinsam mit seiner Anwaltskanzlei an dem Prozess.
Eines Abends lädt Emely den jüdischen Kurator Isaac (Johannes Gabl), der von ihren Werken imponiert ist, gemeinsam mit dessen afroamerikanischer Ehefrau Jory (Karin Yoko Jochum) zum Abendessen ein. Jory ist gleichzeitig eine Arbeitskollegin von Amir. Während des Abendessens kommt eine Diskussion über Glauben, westliche Werte und Identität ins Laufen. Isaac provoziert Amir auf dessen Herkunft, Amir lässt sich über Isaacs Judentum aus, die Situation eskaliert. Am Ende wird klar, dass sich Amir, der sich am Flughafen freiwillig abtasten lässt und Dinge der westlichen Gesellschaft gegen den Islam hinnimmt, vielleicht doch nicht so integriert ins System ist. Und dass auch Isaac und die anderen nicht unbedingt so korrekt sind, wie es scheint. Ein Desaster bahnt sich an…

 

 

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Tom Hospes, Jan-Hinnerk Arnke   Foto: TLT

Rezension
„Geächtet“ packt sehr viel problematische Thmen in kompakte 90 Minuten auf die Bühne. Dadurch entstehen auf der einen Seite sehr intelligente und witzige Dialoge, die zum schmunzeln, aber auch nachdenken anregen. Auf der anderen Seite ist das Material fast schon etwas überfrachtet, so dass nicht alle Facetten so herausgearbeitet werden können, wie sie es vielleicht verdient hätten.
Das Setting ist einfach gehalten. Mit Videoprojektionen werden die Figuren eingeführt und instruiert, Lücken, die sich durch Erscheinungsbild oder Dialoge nicht füllen lassen, werden geschlossen. Interessant ist auch die Anwendung mit einer Handykamera, die das Gefilmte 1:1 auf die Leinwand wiedergibt. Unscheinbare Dinge werden groß in Szene gesetzt, intime Momente sieht man in Nahaufnahme – auch die schrecklichen Seiten.
Regisseur Stefan Maurer setzt viel auf die Darsteller und wenig auf  Hintergrund, der ablenken könnte. Dementsprechend wird den einzelnen Figuren viel abverlangt, gerade durch Kontext und Spiel muss herausgebracht werden, was die teils langen Dialoge und Wortwechsel nicht transportieren können. Dies gelingt auch fast durchgehend.

 

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Marion Fuhs, Jan- Hinnerk Arnke  Foto: TLT

 

Jan-Hinnerk Arnke als Amir Kapoor macht als Rechtsanwalt eine gute Figur. Zwischen Härte im Berufsalltag, Leidenschaft und Liebe für seine Frau, sowie in absoluter Überzeugung  seinen Einstellungen bezüglich Islam und Glauben entsteht ein vielschichtiger und doch uneinsichtiger Charakter.
Amir will nicht zu der Welt der Moslems und dem Islam gehören. Amir stellt sich freiwillig am Flughafen an, um abgetastet zu werden – weil er es ja sowieso wird. Amir hat seinen muslimisch klingenden Nachnamen geändert, um als Inder und nicht als Pakistani zu gelten. Amir macht sich darüber lustig, dass Hassan sich nun Abe nennt. Amir rezitiert wortsicher den Koran im Bezug auf Umgang auf Frauen, mit Verachtung. Amir schreit seine Frau an. Amir wird von den Anderen als anders gesehen und sieht sich selbst, trotz aller Integration in das System selbst als anders und zerbricht daran.
Arnke verleiht dem Rechtsanwalt viel Farbe, bleibt manchmal etwas steif, bringt aber ein überzeugendes Bild des zerbrochenen Anwalts rüber.

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Marion Fuhs  Foto: TLT

 

Emely, die verträumte Künstlerin wird von Marion Fuhs verkörpert. Emely ist von der Welt des Islam begeistert, portraitiert ihren Mann Amir in Anlehnung an ein anderes Kunstwerk als „Sklave“ und verliert sich in politisch und romantisch korrekte Weltbilder. Trotzdem bleibt sie auf der Seite der Anderen und erfährt die Seite des Islams, die sie eigentlich mit Pinsel und Farben überzeichnen möchte.
Fuhs spielt sicher und locker Emely, sie hat viele Kostümwechsel, die passend zur Stimmung und Situation gestaltet sind. Verwirrt lässt sie sich auch auf menschliche Fehler ein und möchte doch korrekt bleiben. Fuhs ist sicher und stark auf der Bühne und bietet dem lauten Amir mit viel Präsenz die Stirn, ohne dabei zerbrechlich zu wirken.

 

Der jüdische Kurator Isaac verwirrt nicht nur Emely. Johannes Gabl spielt einen minimalistischen leicht nervös wirkenden Kunst-Aussteller. In seinem typischen Stil ein bisschen abgehackt, sorgt er so für Situationskomik und bringt, trotz aller politischer Unkorrektheit das Publikum zum Schmunzeln. Sarkastische jüdische Witze und Kontrastpunkte zum Islam führen zu einem explosiven Streitgespräch, in dem Gabl mit seinem pointierten Ausdruck Salz in Amirs Wunden streut. Mir persönlich wirkte er zu Beginn etwas zu sehr am Text verhaftet, während er im Verlauf mehr die Rolle belebte und gestaltete.

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Johannes Gabl, Karin Yoko Jochum, Foto: TLT

 

Jorys Figur, dargestellt von Karin Yoko Jochum, hätte noch mehr Biss vertragen. Aus optischen, wie textlichen Gründen kommt erst sehr spät zum Tragen, dass Jory Afro-Amerikanerin ist. Dadurch geht leider vieles im Wortgefecht unter. Jochum spielt erst die deeskalierende Ehefrau, die dann aber selbst zum Giftpfeil gegen Amir wird und ihre Maske fallen lässt und überrascht. Dafür ist Geschick und auch Feingefühl nötig, das Jochum gut einbringt.  Gerade gegen Ende ihre Auftritts zeigt sich, dass die „einfache Ehefrau aus dem Ghetto“ eben doch nicht berechenbar ist und Amir sie unterschätzt hat.

Newcomer und Überraschung des Abends war Tom Hospes als Abe. Der junge Schauspieler feierte mit seiner Rolle das Debut am Tiroler Landestheater. Die zwei eher kurz gehaltenen Auftritte von Abe sind sehr kontrastreich und setzen einen Rahmen um Amir. Zu Beginn in bunten westlichen Klamotten, weiß Abe noch nicht so recht, was er eigentlich vom Leben will. Auf der einen Seite sucht er Halt im Glauben, ändert aber seinen Namen, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden. Er spiegelt Amir damit wieder, im Unterschied, dass er seine Identität sucht, währen Amir glaubt, seine Position gefunden zu haben. Am Ende wird Abe wieder zu Hassan, trägt einen Kufi und sieht Zugehörigkeit und Identität in seinem Glauben und seiner Herkunft. Amir, der selbst zu Gewalt gegriffen hat, steht seinem eigenen Albtraum gegenüber.
Hospes spielt Abe mit Leichtigkeit und etwas Unsicherheit, passend zum Charakter. Gerade im Schlussauftritt zeigt er die dunkle und doch anziehende Seite des Islams für junge Menschen und bringt Amir puren Hass gegenüber der westlichen Welt rüber. Gerade den radikalisierten Hassan nimmt man Hospes mit etwas mulmigen Gefühl ab. Ein junger Mensch, der zu Beginn noch in Amir ein Vorbild sieht, wird gerade von diesem enttäuscht. Eigene Werte und Identität wird in einem Glauben und einer Gemeinschaft gefunden. Abe, der sich zunächst einfügen will, aber nicht aufgenommen wird, nimmt seinen Weg, der bedrohlich wirkt. Hospes zeigt überzeugend diesen Zorn über die Ungerechtigkeit, anders zu sein, weil die Gesellschaft einen anders sieht. Ein eindrucksvoller Auftritt, der eindringt und ein mulmiges Gefühl hinterlässt.

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Tom Hospes, Jan-Hinnerk Arnke  Foto: TLT

„Geächtet“ bricht viele Themen auf, stellt viele Fragen und beantwortet aber längst nicht alle. Der Zuschauer ist sich selbst überlassen und bleibt damit zurück, dass es wohl keine richtige Antwort, kein richtiges Verhalten, keine wirkliche Identität gibt. Die teilweise langen Dialoge  verlieren zwischendurch die Fahrt, was ein Folgen erschwert. Trotzdem bringt das Stück mit Witz und vielen Wendungen einiges zum Nachdenken und Wahrnehmen auf die Bühne. Ein zweiter Besuch kann nicht schaden, um das Gesehene sacken zu lassen, um sich neu damit zu beschäftigen.

 

Nicht umsonst wurde das Stück mit dem Pulitzer Theaterpreis (übrigens war Joseph Pulitzer selbst jüdischer Abstammung) gewürdigt, 2015 für den Tony Award nominiert und bei der Fachzeitschrift „Theater heute“ 2016 zum ausländischen Stücks des Jahres gewählt.

„Geächtet“ läuft seit 1. Oktober in den Kammerspielen.

Termine und Karten unter http://www.landestheater.at

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