Bürokratisch entsetzte Unmenschlichkeit – „Der Konsul“ im Tiroler Landestheater (Premiere)

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Ein zähes Spiel, wiederholende Dialoge und teils ziehende Duette rund um Formulare und Wartehallen in bürokratischen Konstrukten formen Gian Carlos Menottis Stück „Der Konsul“. Gerade das macht die Oper genial!
Irgendwie sind alle Ämter gleich: Ewige Wartezeiten, Berge von Formularen und unfreundliche Beamte machen eine einfache Sache wie etwa das Beantragen eines Ausweises zur Nervensache. Was aber, wenn davon das Leben abhängt? Was, wenn in dieser Warterei die Hoffnung auf Zukunft steckt?

In der Oper „Der Konsul“, die 1950 in Philadelphia/USA uraufgeführt wurde, geht es um mehr als ein paar wichtige Stempel am Schalter. Im Tiroler Landestheater in Innsbruck feierte das Werk des italienischen Wahlamerikaner Gian Carlo Menotti am 3. Februar 2018 seine Premiere.

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Susanna von der Burg, Jennifer Maines    Foto: TLT

Inhalt
John Sorel ist ein Freiheitskämpfer und Aktivist in seinem Land, das nicht näher benannt wird, aber „irgendwo in Europa“ angesiedelt ist. Die Geheimpolizei ist ihm auf den Fersen. Um seine Mutter und seine Ehefrau Magda, sowie seinen neugeborenen Sohn in Sicherheit zu bringen, entscheidet er zu fliehen. Magda soll am Konsulat ein Visum beantragen, um dann mit dem Kind so schnell wie möglich in die sichere Fremde nachzureisen.
Auf dem Konsulat warten in der überdimensionalen Wartehalle bereits einige Menschen darauf, ein Visum zu erhalten bzw. beim Konsul vorgelassen zu werden. Doch die gefühlskalte und eiserne Sekretärin lässt niemanden durch und handelt genauestens nach den Verwaltungsauflagen. Ein Foto im falschen Format oder ein nicht beglaubigtes Dokument machen wochenlanges Warten und Formulare ausfüllen zu vergeudeter Zeit. Auch Magda versucht verzweifelt die Sekretärin davon zu überzeugen, dass sie dringend den Konsul sprechen muss und ein Visum braucht. Doch die Sekretärin beeindruckt das nicht im geringsten. Magdas Name ist eine Akte und ihr Fall lediglich eine Nummer in einem bürokratischen System, das Elend nicht kennt.

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Anna Maria Dur, Susanna von der Burg, Alec Avedissian    Foto:TLT

Zu Hause verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Kindes massiv. Es stirbt und auch Magdas Schwiegermutter zerbricht am Tod des Kindes und stirbt kurz darauf. Magda versucht weiterhin verzweifelt, an ein Visum zu kommen und wird, wie alle anderen immer wieder aufs Neue von der Sekretärin vertröstet und mit Formularen heimgeschickt. In einem Wutanfall zeigt sie, dass es nicht nur um einen Urlaub, sondern ums nackte Überleben geht. Die Sekretärin lässt sich schließlich erweichen und will Magda zum Konsul vorlassen. Doch bevor sie den unbekannten Diplomaten trifft, sieht sie, wie der Geheimagent, der seit Monaten ihre Familie beschattet und terrorisiert aus dem Büro des Konsuls kommt. Ihre Hoffnung ist damit zunichte gemacht. Als sie dann auch noch erfährt, dass ihr Mann gar nicht im sicheren Nachbarland ist, sondern sich wieder auf den Weg zu ihr gemacht hat und damit ins sichere Verderben läuft, trifft sie eine fatale Entscheidung…

 

Bürgerliche Heimat und kafkaeske Pforten

Regisseur René Zisterer versetzt zwar die Figuren in eine schaukastenartige Szenerie (Bühnenbild von Agnes Hasun) aber lässt auch vertraulich heimelige Räume entstehen, die ein bisschen an zu Hause erinnern. Dadurch bekommt Menottis Oper eine eigene Dynamik, merkt man, dass viele der Vorgänge auf der Bühne einem selbst bizarr vertraut vorkommen.
Überdimensional wirkt der Warteraum im Konsulat. Winzig wirken die Bittsteller, die über eine Rampe zur Sekretärin hinaufgehen müssen, die über den Dingen vor ihrer Schreibmaschine thront. Doch auch sie wirkt unscheinbar vor den riesigen Türen, die ins Büro des Konsuls führen. Kafkaesk wirkt die Handlung in der marmornen Wartehalle, wenn die Sekretärin wieder und wieder erklärt, dass nur mit Formularen ein Ende in Sicht sei. Zugleich sind die Schicksale der Wartenden allesamt menschlich und nachvollziehbar. Obwohl das Stück nun fast 70 Jahre alt ist, hat die Thematik nichts an Aktualität verloren. Da ist die italienische Mutter, die einfach nur zu ihrer sterbenskranken Tochter möchte. Der Mann, der verzweifelt versucht das Land zu verlassen. Sie alle müssen warten und haben keine Ahnung, wann und wie sie einen positiven Bescheid bekommen. Angesichts der Flüchtlingskrise und den ewig langen bürokratischen Hürden bekommt man nur einen Eindruck davon, was für viele auch in unserer Gesellschaft leider noch jeden Tag eine nervliche Zerreissprobe ist.
In einer Passage singt Magda, am Ende ihrer Kräfte:
„Sind wir so weit, dass Menschlichkeit des Menschen Last, kein Schiff, kein Ufer mehr Ertrunk’ne birgt, kein Heim, kein Grab des Sterbenden mehr harrt. Sind wir so weit, dass der, der als ein Fremder ward geboren, für alle Zeiten ein Fremder bleibt im Land, dass niemand Schutz ihm gewährt in der Verfolgung. Wir sind so  weit.“

Menottis Oper ist trotz der bedrückenden und politischen Atmosphäre aber keine zähe Bürokratie-Komödie. Passend in die kafkaeske Stimmung taucht ein Zauberer auf und versucht mit Hypnose und Tricks ein Visum zu erschleichen. Verschiedene Melodien greifen ineinander und wirken teilweise wie Filmmusik. Statt einer Ouvertüre bringt eine Schallplattenaufnahme uns ins Geschehen rein. Besonders aber ist das Libretto der Oper, welches auch von Menotti selbst stammt. Lyrisch, verdichtet und trotzdem klar bringt es das Leiden, die Verzweiflung und die vielen Aspekte der Menschlichkeiten auf den Punkt.

Besetzung

In den Hauptbesetzungen setzt das Tiroler Landestheater auf Alte Bekannte und liefert keine Überraschungen.

Susanna von der Burg als Magda Sorel bringt in stimmlicher Höchstform gut die Emotionen, wie auch die Stärken der Hauptfigur zum Publikum rüber. Bis zum Schluss bleibt sie ihrer Rolle treu und spielt eine souveräne, starke Frau, die stolz auf die Taten ihres Mannes ist. Auch wenn man ihr die 39 Jahre vielleicht nur mit Augenzwinkern abnimmt, so drückt sie durch Stimme und Spiel aus, warum Magda ihre Entscheidungen trifft.

Mit viel Applaus goutiert wurde Anna Maria Dur, welche die namenlose Schwiegermutter Magdas spielt. In Sorge um den Enkel, den Sohn und das eigene Elend, welches sie in ihrem Leben ertragen musste zaubert die Mezzosopranistin ein stimmiges Bild.

Als Kontrahent mimt Johannes Wimmer den Agenten der Geheimpolizei. Der Bassist, der zuletzt in Hoffmanns Erzählungen beim TLT auf der Bühne stand, liefert ebenso eine solide Performance ab.

Großartig besetzt ist die Sekretärin mit Jennifer Maines. Stimmlich gewaltig zeichnet sie das Bild einer strengen, gefühlskalten Frau, der nach außen hin die Schiksale ihrer Besuche nichts anhaben. Dabei wirkt sie aber nie karikiert. Erst, als die Fassade fällt und auch das menschliche und tragische in Maines Rolle hervorscheint, treibt das auch die Sängerin zu Höchstformen an. Toll gesungen und gespielt.

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Jennifer Maines, Dale Albright   Foto: TLT

Dale Albright als Zauberer Nika Magadoff hat zwar nur eine Nebenrolle, lockert aber die Handlung und das Stück mit der komischen Einlage auf, so dass in all dem zermürbenden Systemen und Schicksalen die Menschlichkeit und der Humor nicht zu kurz kommen. Zisterer hat mit Albright diese Figur hervorragend besetzt.

Alec Avedissian als Freiheitskämpfer John Sorel hat nur ein paar kurze Momente auf der Bühne. Im Traumsequenzen oder nur kurz auf der Bühne spielt er die Rolle solide. Einzig der kurze gesprochene Part wirkt etwas arg gestockt, was leider kurz aus Handlung reißt.

Auch die weiteren Rollen sind gut besetzt, allerdings ohne großartige Überraschungen. Insgesamt harmoniert aber das Ensemble und setzt somit eine gute und schön inszenierte Oper um.

Mit rund zwei-einhalb Stunden ist „Der Konsul“ ein eher kompaktes Stück,  hat allerdings durchaus seine Längen. Im Zusammenspiel mit dem Thema Unterdrückung, Verfolgung und bürokratischem Wahnsinn passt das erstaunlicherweise gut rein.
Das Publikum war zunächst etwas verhalten, belohnte aber dann die Darbietung mit einem nicht enden wollenden Applaus und hatte sicherlich einiges zum reden im Anschluss.

„Der Konsul“ ist eine sehenswerte Oper, die vielleicht nicht auf dem ersten Blick der Überflieger ist, aber aufgrund seiner lyrischen und musikalischen Stärke mit einer guten Besetzung einen Eindruck hinterlässt.

 

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Foto: TLT

 

weitere Infos:
www.landestheater.at

Besetzung:

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