Der größte Showman der Welt und sein Leben – Teil 2

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Bärtige Frauen, reitende Zwerge, Schlangenmenschen und Exoten… Nachdem ich in Teil 1 auf den realen P.T Barnum eingegangen bin, wird es Zeit mal ein paar seiner „Hauptattraktionen“ kennenzulernen.

General Tom Thumb
Die einzige „abnormale“ reale Figur aus dem Film ist der kleinwüchsige Charles Stratton. Anders als im Film wurde Charles allerdings nicht gecastet, sondern kam bereits als vierjähriges Kleinkind zum Showman, der ihn in seinem Kabinett in New York präsentierte.

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P.T. Barnum und Charles Stratton um 1844 

Stratton wurde 1838 in Connecticut geboren. Zunächst war ein normal großes Baby und mit 4 kg Geburtsgewicht sogar ein ziemlicher Brocken. Allerdings verzögerte sich sein Wachstum, ehe er mit 102 cm überhaupt nicht mehr wuchs. Barnum entdeckte das Kind zufällig auf der Durchreise. Strattons Eltern erlaubten Barnum den Knaben mit nach New York zu nehmen, wo er für 3 Dollar die Woche in New York in Barnums Freak-Show auftrat. Anders als heute waren Freak-Shows Teil des normalen Lebens und viele Menschen mit Behinderungen oder körperlichen Abnormitäten sahen in diesen Ausstellungen die einzige Chance, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Aus dieser Motivation heraus ließen auch Strattons Eltern mit Barnum mitgehen.
Der Showman überlegte sich schnell ein Konzept für das Kind. Er ließ Kostüme eines Generals schneidern und taufte Stratton in „Tom Thumb“ ,nach einer damals beliebten kleinen Märchenfigur, um. Stratton lernte in kurzer Zeit singen, tanzen und schauzuspielern und wurde schnell Teil des fixen Ensembles in Barnums American Museum in New York. Dort erfreute er die Zuschauer besonders in der Rolle als General. Um die Kleinwüchsigkeit von Stratton noch bedeutender zu machen, denn im Vergleich zu anderen vierjährigen Kindern war Stratton nur wenig kleiner, sagte Barnum, dass der Junge bereits 11 Jahre alt sei. Die Presse war entzückt von dem kleinen Soldaten.
1844 begab sich Stratton gemeinsam mit Barnum auf seine erste Europareise nach England. England und die USA hatten damals noch eher angespannte Verhältnisse, der letzte Krieg zwischen den zwei Ländern hatte Spuren hinterlassen. Somit kamen auch Barnum und Stratton erst schlecht bei der britischen Bevölkerung an. Doch Barnum sicherte sich Kontakte in die oberen Kreise der Gesellschaft. Der Aristokratie gefiel der kleine Soldat, der kesse Lieder sang und Persönlichkeiten imitierte. Somit dauerte es nicht lange, bis Queen Victoria selbst, die damals mächtigste Frau der Welt, das amerikanische Künstlerduo zu sich einlud.
Eigentlich war gerade Staatstrauer am Hofe, das Prinz Alberts Vater gestorben war. Das sechsjährige Kind machte sich aber dabei nicht viel daraus, sang ziemlich derbe Lieder und führte Kunststückchen vor. Dem Hofzeremoniell entsprechend, war es Pflicht, der Königin niemals den Rücken zuzudrehen. Dies wurde auch von den zwei Gästen nach dem Empfang erwartet. Während Barnum kein Problem hatte, rückwärts die Audienz zu verlassen, kam Stratton mit seinen kleinen Füßen nicht nach, so dass er sich mehrfach verbeugte, umdrehte, ein paar Meter rannte und wieder mehrfach verbeugte und wieder umdrehte… während dieser komischen Szene wurde ein Cockerspaniel der Queen auf den Zwerg aufmerksam. Er rannte zu Stratton und kläffte ihn an, worauf dieser seinen Säbel der Uniform zückte und den Hund zum Duell aufforderte. Die Queen brach in schallendes Gelächter aus, der Erfolg war Barnum und Stratton sicher.

Es folgte eine mehrjährige Tour durch Europa an mehrere Königshäuser und Empfänge. Stratton war dermaßen beliebt, dass ganze Horden von aufgeregten Frauen den amerikanischen Gästen nachjagten.
Als die Zwei schließlich in die USA zurückkehrten, band Barnum Stratton fest in seine Shows mit ein. Durch seinen Erfolg hat Stratton bereits einiges Geld verdient, das auch seinen Geschwistern eine gute Ausbildung ermöglichte.
Der Zwerg selbst liebte, wie Barnum, das Showbusiness. Mit diversen Auftritten vermarktete er sich selbst. Bald tourte er auch alleine durchs Land, nur noch von Barnum als Mentor unterstützt und wurde sehr erfolgreich.

 

Zwergen-Ehe

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Als Stratton merkte, dass seine „General Tom Thumb“ Nummer alleine nicht mehr ausreichte, musste eine neue Schlagzeile her. In dieser Zeit lernte er die ebenfalls kleinwüchsige Lavinia Warren kennen. Auch sie hatte sich als Zwergenfrau mit fantastischem Gesang einen Namen gemacht. Es war P.T. Barnum, der die zwei dazu anregte, doch zu heiraten. Natürlich wurde dies medial groß ausgeschlachtet.
In den USA herrschte gerade der Bürgerkrieg und so erfreuten sich die New Yorker an der guten Nachricht, dass Tom Thumb eine Braut gefunden hatte.
1863 heiratete Charles Stratton seine Frau. Über 2000 Gäste nahmen an der Zeremonie teil. Präsident Abraham Lincoln schickte Geschenke und besuchte das Paar später in den Flitterwochen. Diverse Zeitungen zahlten den Hochzeitsfotografen horrende Beträge, um das beste Foto zu bekommen.
Später zogen Stratton und Warren in ein Haus, dass mit Zwergenmöbeln und kleinen Türen ausgestattet war. Natürlich so, dass die Öffentlichkeit daran teilhaben konnte.

 

Nachdem die Hochzeit so ein Erfolg gewesen war, wollte Barnum noch mehr Profit aus der Ehe schlagen. Das Publikum erwartete endlich eine Familie und die sollte es auch bekommen. Barnum „borgte“ sich aus Krankenhäusern kleine Babys aus, mit denen das Paar dann Familienfotos inszenierte. Die Presse sowie die Öffentlichkeit feierte das „Zwergen-Baby“. Nachdem allerdings immer mehr Menschen darauf drängten das kleine Kind endlich mal live zu sehen, zog Barnum eine moralisch sehr fragliche Notbremse:
Er verkündete kurzerhand, dass das Baby gestorben sei.
Jahrelang wurde dieses Geheimnis vertuscht. Erst Lavinia Warrens Autobiographie stellte Jahrzehnte später den Schwindel richtig.

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Charles Stratton, Lavinia Warren und das fiktive Kind, welches aus einem Krankenhaus „ausgeliehen“ wurde für den Foto-Termin.

Als Barnum in finanzielle Schieflage geriet, war es übrigens Stratton, der ihm finanziell aus der Klemme half. Unternehmerisch mittlerweile selbstständig lebte er ein wohlhabendes Leben mit allen Annehmlichkeiten.
1883 erlitt der Künstler überraschend einen Schlaganfall und verstarb im Alter von nur 45 Jahren.  Auf seinem Grab befindet sich eine lebensgroße Statue von ihm, Barnum wurde nur wenige Meter von ihm beigesetzt. Als Lavinia Warren 35 Jahre später starb, wurde sie im gleichen Grab wie Stratton beerdigt. Auf ihrem Stein steht nur „His Wife“ (seine Frau).

 

 

Weitere fiktive Charaktere und deren historische Grundlage

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Ausgerechnet Philipp Carlyle ist eine rein fiktive Figur. Er wurde, genau wie Anne Wheeler nur kreiert um die zwischenmenschliche Beziehung zwischen einer Afro-Amerikanerin und einem weißen Amerikaner darzustellen. Geht man von den Geschäftsbeziehungen aus, könnte man noch James Arthur Bailey als Grundlage nehmen. James Bailey wuchs als Waisenkind auf, ehe er von der Zirkusfamilie Bailey aufgenommen wurde und als Gehilfe mit dem Trupp durchs Land reister. Er arbeitete sich zum Manager hoch. 1881 lernte er P.T. Barnum kennen und konzeptionierte mit ihm die tourende Freak-Show, aus der sich später der klassische Wanderzirkus entwickelte. Der „Barnum & Baileys“ -Zirkus hatte drei Manegenringe, in denen sensationelle Nummern aufgeführt wurden. Bis 1906 hatte er die Position inne, ehe er im Alter von 58 Jahren starb.

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Annie Jones, reales Vorbild von Lettie Lutz

Auch Lettie Lutz ist ein fiktiver Charakter. Ihre wahre Grundlage war die „Bärtige Frau“ Annie Jones. Annie Jones wurde 1865 geboren und kam bereits als 9-Monate altes Baby zu Barnums Show, da sich bei ihr bereits ein Flaum abzeichnete. Sie verdiente damals 150 Dollar die Woche. Bereits als junges Mädchen hatte Jones so viel Bartwuchs, dass sie als  „bärtiges Mädchen“ in der Presse bekannt wurde. Sie ließ nicht nur ihren Bart, sondern auch ihr Haupthaar bis auf den Boden wachsen. Mit 16 Jahren heiratete sie Richard Elliot. Zeitlebens war sie Sprecherin der Künstler in P.T. Barnums Show, setzte sich für mehr Rechte ein und kämpfte dafür, dass das Wort „Freaks“ aus dem Vokabular der Öffentlichkeit verschwand. Sie war musikalisch, intelligent und gebildet und wusste, dass sie deutlich mehr zu bieten hatte, als einen Bart.
Annie Jones starb im Alter von 37 Jahren an Tuberkulose in Brooklyn
Was aus dem Zirkus wurde

P.T. Barnum erlebte die große Zirkusära nur peripher. Sein Geschäftspartner und späterer Nachfolger James Bailey baute erst das Konzept richtig aus. Mit „Barnum and Baileys“ wurde einer der größten Zirken der Geschichte entwickelt.
1907 wurde der „Barnum&Baileys-Circus“ von den Ringling- Brothers, einer anderen amerikanischen Zirkusdynastie, gekauft. Ab 1917 fusionierte der Zirkus mit dem Ringling-Brothers-Circus und es entstand der „Ringling Bros. and Barnum & Baileys“-Circus.
Ab 1919 wurde unter diesem Namen auch „The Greatest Show on Earth“ entwickelt und tourte jahrzehntelang durch die vereinigten Staaten. Mit Tier-Dressuren, Artisten, ab 1935 dem ersten weiblichen Clown und drei Manegen wurde der Zirkus weltbekannt. Später tourte er mit zwei eigens angefertigten Zügen durch die Staaten. Dabei war ein Zug bis zu 1,1 Meilen lang. Unter wechselnden Besitzern neu ständig neu entwickelten Programmen war der Zirkus Teil des 20. Jahrhunderts.
Anfang 2015 wurden auf Druck von Tierschützern die beliebten Elefantenshows eingestellt. Es folgten eine schlechte Bewirtschaftung und einbrechende Besucherzahlen.
Am 21. Mai 2017 gab der Zirkus nach 146 Jahren seine letzte „Greatest Show on Earth“

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Barnum, der Menschenfreund?

P.T. Barnum war sicherlich einer der Showmagnaten seiner Zeit. Und er gab vielen Menschen, die im normalen Leben ausgeschlossen waren, eine Heimat, einen gut bezahlten Job und Sicherheiten. Allerdings tat er das nicht nur aus Nächstenliebe, sondern durchaus als Kalkül. Neben seinen „Absurditäten“ versuchte und schaffte er es immer wieder, auch Menschen auszustellen und zu vermarkten, die im Grunde eigentlich völlig normal waren. Darunter gehörten Häuptlinger diverser Stämme oder eben Berühmtheiten wie Jenny Lind. Barnum war ein Visionär, der immer höher, schneller und weiter wollte. Hätte es damals schon Facebook, Twitter, YouTube und Instagram gegeben – wer weiß, was er daraus wohl gemacht hätte?

Aber Barnum war durchaus berechnend. Wie im Film stellte er nie den Anspruch, dass alles real war, was die Zuschauer sahen. Dafür wurde er auch heftigst von der Presse kritisiert. Doch die Menschen wollten wohl auch ein bisschen belogen werden. Wie im Fall mit Stratton und Warrens Ehe und dem falschen Kind übertrat Barnum immer wieder Grenzen. Eine andere „bearded Lady“, Josephine Clofullia, trat ebenfalls für Barnum auf. Eines Tages wurde sie von einem Zuschauer angeklagt, dass sie gar keine Frau, sondern ein Mann sei, der sich nur verkleide. In einer öffentlichen Gerichtssitzung wurde Clofullia von einem Mediziner gynakologisch untersucht. Zu dem Zeitpunkt hatte die Frau übrigens schon einen Sohn geboren. Die Klage wurde fallen gelassen. Später fiel auf, dass der Kläger ein guter Bekannter von P.T. Barnum war. Man vermutet, dass er seine Finger im Spiel hatte. Ebenso wie bei der Sklavin, die er öffentlich sezieren ließ, war ihm die Presse wesentlich wichtiger, als der Mensch dahinter. So oder so bleibt Barnum ein faszinierender Zeitgenosse.

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