„Mit zu lieben bin ich hier“ – Antigone in den Kammerspielen in der Messe

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Wem bereits Goethes „Faust“ als alter Schinken zu viel ist, der wird bei Sophokles‘ „Antigone“ erst einmal schlucken müssen. Denn die griechische Tragödie hatte wahrscheinlich 442 v. Chr. ihre Uraufführung und ist damit junge 2500 Jahre alt. Am 3. März 2018 feierte das Stück seine Premiere in den Kammerspielen in der Messe in Innsbruck – und schlägt trotz antiker Dramatik durchaus moderne Töne an.

Inhalt

Antigone ist Teil des großen Tragödienzyklus rund um Ödipus, König der Stadt Theben, der seinen eigenen Vater tötete, seine Mutter heiratete und mit ihr vier Kinder bekam: Antigone, Ismene,  sowie die Zwillinge Polyneikes und Eteokles.
Nachdem Ödipus herausfindet, was er getan hat, sticht er sich die Augen aus und verlässt die Stadt, seine Frau/ Mutter und geht in die Verbannung, zunächst begleitet von Antigone und Ismene, die sich um ihn kümmern, später aber durch Umstände wieder nach Theben zurückkehren.
In der Zwischenzeit teilen sich die Zwillinge Polyneikes und Eteokles den Thron in Theben. Doch nach einem Jahr verweigert Eteokles Polyneikes die weitere Regierung und jagt ihn aus der Stadt. Polyneikes plant einen Gegenangriff und greift mit einem gegnerischen Heer die Stadt an. In einem Bruderkampf verteidigt Eteokles Theben, Polyneikes kämpft um den Thron. Am Ende bringen sich beide gegenseitig um.

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Michael Arnold, Andreas Wobig, Stefan Riedl und Jan- Hinnerk Arnke als Chor von Theben, Jan Schreiber als Kreon Foto: TLT

Antigones Onkel, Kreon, wird König von Theben und erlässt ein Gesetz, das besagt dass Eteokles mit allen Würden und Ehren bestattet wird, während Polyneikes‘ Leiche auf dem Schlachtfeld verrotten und von wilden Tieren gefressen werden soll.

HIER setzt die Handlung von Antigone ein. Denn die Tragödie ist eigentlich der dritte Teil einer Trilogie. Antigone nämlich hält von dem Gesetz Kreons überhaupt nichts und will Polyneikes heimlich bestatten. Sie weiht nur ihre Schwester Ismene ein, die allerdings zu viel Angst vor dem Gesetz hat und Antigone alleine losziehen lässt. Allerdings wird Antigone bei der Bestattung entdeckt und gefangen genommen. Kreon muss sie nun, laut eigenem Gesetz, zum Tode verurteilen. Antigone weigert sich, Schuld einzugestehen, da sie die göttlichen Gesetze heiliger sieht, als ein menschlicher Erlass. Sie wählt den Märtyrertod. Am Ende lässt Kreon sie in einer Höhle mit etwas Nahrung in einer Höhle einmauern, da er sich an seiner Nichte nicht die Hände blutig machen möchte. Haimon, der Verlobte Antigones und Sohn von Kreon warnt seinen Vater, dass auch er im Falle ihres Todes bereit ist, zu sterben. Da taucht der blinde Theiresias auf und prophezeit Kreon, der in seinem Starrsinn alle Warnungen in den Wind schlägt, ein blutiges Ende seiner Familie….

Gesichtsloser Chor und starke Figuren

Mona Kraushaar setzt in ihrer Inszenierung auf einen modernen Ansatz, ohne große Bühnenausstattung. Im Hintergrund rauscht auf einer Projektion das Meer, die Bühne ist mit schwarzen Sand ausgestreut, ein paar Stühle und viel Theaterblut bilden die Requisiten. Aufgehängte Mikrofone verstärken je nach Raumnutzung die Stimmen und den Effekt der Stimmen.

Der große Chor, der das Geschehen Antigones erzählt und kommentiert, wird von allen Darstellern gleichermaßen mit grotesken Masken gesprochen, dabei sind es die Standlieder, die über das Unglück der Menschen, Gottesgesetze etc. erzählen.

 

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Der Chor  Foto: TLT 

 

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Lisa Weidenmüller als Antigone, Chor Foto: TLT

Antigone wird von Lisa Weidenmüller verkörpert. Mit große Gestiken und mit Passion für die Figur formt sie eine zielstrebige Antigone, die sich nicht von ihrer Überzeugung abbringen lässt. Die Bruderliebe stellt sie über Politik, menschliche Gesetze können göttliche Gebote nicht brechen und auch nicht ihren Willen. Sie ist sich den Konsequenzen bewusst und lässt sich nicht davon abbringen. So impulsiv und eindrucksvoll dieser Auftritt ist, verfällt Weidenmüller leider schnell ins Trotzige, was der Figur einiges an Fahrt und Authentizität nimmt. Deswegen ist Weidenmüller im Vergleich zu den anderen Figuren leider ein bisschen schwächer und blasser.

 

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Hannah Candolini als Ismene  Foto: TLT

Antigones Schwester Ismene, von Hannah Candolini gespielt, kann dem Willen ihrer Schwester nichts entgegensetzen. Mit dem wenigen Text zeichnet Candolini eine zerbrechliche und verzweifelte Schwester, die zwischen Gesetzestreue, Schwesternliebe und Verzweiflung gefangen bleibt und daran zerbricht. Die Darstellung gelingt und prägt sich ein. Ihr stummer Schrei hallt im Publikum nach, ihr Summen schwingt unheilvoll über der sich anbahnenden Tragödie.

Als charakteristoscher Politiker regiert Jan Schreiber als Kreon das Königreich Theben. Damit erinnert er realistischer als gewollt an aktuelle Regierungsführer. Noch zunächst darauf bedacht nur menschengerechte Gesetze zu erlassen, bleibt er starrsinnig und unerweichlich, aller Propehzeiungen zum Trotz. Er bleibt seiner Macht verhaftet und wittert überall Intrigen und Skandale, die ihn zu Fall bringen könnten. Seine Hände will er dennoch in Unschuld waschen. Die Unnachgiebigkeit und Angst vor einem Schuldeingeständnis besiegeln sein Scheitern. Das Gefolge lässt ihn am Ende einsam zurück.  Sein Wimmern nach Erlösung am Ende, bleibt unerhört, als er allein auf der Bühnen nach dem Tod fleht.

Überraschung des Abends war Kristoffer Nowak, der eine fragile und feinfühlige Eurydike spielt. Leise, ohne Pathos oder Überdramatisierung krönt er den Abschluss eines blutigen Endes. Der kurze Auftritt lässt das Leid einer Mutter, die in dem ganzen Stück an sich keine tragende Rolle hatte nachempfinden. Ihre Welt und sie selbst zerbrechen. Nowak schafft eine schöne, engelsgleiche Figur, die später quasi ihrem eigenen Körper entschlüpft, eine tolle Idee!

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Thomas Hospes als Haimon Foto: TLT

Kreons Sohn Haimon hält zu Antigone und ihren Überzeugungen. So hört er sich zunächst, zornerfüllt die Rechtfertigungen des Vaters an, ehe er mit demselbigen bricht. Thomas Hospes zeigt in Wut, Verzweiflung und einem explosiven Auftritt, wie Hass und Unverständnis Menschen brechen und entzweien kann, ehe er am Ende der Tragödie blutüberströmt neben Antigone den Freitod findet.

Als Chor von Theben agieren Jan-Hinnerk Arnke, Michael Arnold, Stefan Riedl und Michael Wobig. Als Herren im schwarzen Anzug geben sie synchron und teilweise diachron ihre Ratschläge und Kommentare an Kreon. Zunächst Treue schwörend wechseln sie ihre Ansichten und lassen den wütenden Tyrannen in seiner eigenen Tragödie alleine stehen. Der Chor, der ihm zuerst zustimmte verstummt und hat nichts mehr zu sagen.

Die Komik der Tragödie ist eine Kunst, die bereits zur Antike genutzt wurde. Johannes Gabl hat als Wächter die unheilvolle Aufgabe Kreon zu unterrichten, dass sich jemand seinem Erlass widersetzt hat. Unfreiwillig komisch zeigt es das, was auch noch heute im allgemeinen Leben leider zu bittere Wahrheit ist: Niemand traut sich dem Oberen zu widersetzen, wer die Wahrheit ausspricht ist schon fast in einer skurillen Situation aus Angst und Sarkasmus gefangen. Gabl liefert das in seiner Interpretation komisch, manchmal ein bisschen zu slapstikhaft.

Raphael Kübler mimt den blinden Theiresias, der bereits Ödipus das Ende seiner Dynastie weissagte. Nun spricht er auch für Kreon das unheilvolle Ende, ihm wird zunächst kein Glauben geschenkt. Kübler braucht nicht viel Mimik oder Gestik, um den Seher eine mystische Aura zu verleihen. Gut in der

Das Tiroler Landestheater hat mit seiner Darstellung des alten Stoffes eine gute und kompakte Inszenierung geschafft, die auch noch Jahrtausende nach der Uraufführung berührt und nichts einbüßt. Mit 1 Stunde und 40 Minuten kompakt und erzählt die Geschichte ohne überflüssige Längen. Sprache und Ausdruck sorgen für Betretenheit und viele Gedanken, die nachwirken. Viel Applaus und ein sichtlich begeistertes Publikum bestätigten eine gut gelungene und sehenswerte Inszenierung.

Einige Vorstellungen sind bereits ausverkauft, weiter Informationen unter

www.landestheater.at

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Raphael Kübler als Theiresias, im Hintergrund Andreas Wobig, Jan – Hinnerk Arnke und Stefan Riedl als Chor von Theben, Statistenkind als Knabe Foto: TLT

 

 

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