Britische Frühlingsoper – „Martha oder Der Markt zu Richmond“ im Tiroler Landestheater

Friedrich von Flotow wusste wahrscheinlich nicht, dass er mit seiner romantisch-komischen Oper „Martha  oder der Markt zu Richmond“ vom Modell der heutigen beziehungsunfähigen Generation nicht weit entfernt war. Martha eignet sich wunderbar auch als Oper für Einsteiger. Dem Tiroler Landestheater ist zudem eine sehenswerte Inszenierung mit vielen kleinen Extras gelungen.

Zeit für Frühlingsgefühle. Wer die nicht im eigenen Leben verspürt, kann dem vielleicht mit einer leichten Oper nachhelfen. Friedrich von Flotows Oper „Martha oder der Markt zu Richmond“ ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, sich vielleicht auch als Nicht-Operngänger mal auf das Genre einzulassen, abseits von der Zauberflöte. Auch wenn die Geschichte eher simpel ist, ist es interessant, dass die Damen und Herren des frühen 19. Jahrhunderts offenbar ähnliche Probleme hatten, wie Generation Tinder heutzutage.

Langeweile und bockige Herren

Die Geschichte spielt Anfang des 18. Jahrhunderts in Großbritannien. Lady Harriet ist eine ziemlich gelangweilte Adelige, die trotz Geschenke, begehbarem Kleiderschrank und Schmuck in ihren Depressionen schwelgt. Ihr schoßhundhafter Vetter Lord Tristan ist auch keine große Hilfe.
Da hat ihre Dienerin Nancy die einfache Idee, dass Harriet sich doch einfach verlieben solle. Während Lady Harriet noch sinniert, hören die Herrschaften von der Ferne den Chor, der die Mägde auf den Markt nach Richmond ruft.
Wie es der Brauch will, können dort Mädge von betuchten Damen und Herren angeworben werden. Fr ein Jahr verdingen sich die Mägde, ehe sie wieder eine neue Stellung suchen können.
Nancy und Harriet entwickeln den Plan, sich selbst als Mägde zu verkleiden, um ein bisschen Spaß auf dem Markt zu haben.

 

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Reges Treiben am Markt zu Richmond               Foto:TLT

 

Der Markt ist bereits im vollen Gange. Die beiden Hofpächter Lyonel und Plumkett sind auf Ausschau nach Dienerschaft für ihren Hof. Lyonel war eigentlich ein Findelkind, denn sein Vater starb unerkannt am Hof von Plumketts Eltern. Beide wuchsen wie Brüder auf und bestellen nun den geerbten Hof. Die Magd-Schau beginnt und die ersten Dienerinnen wechseln den Herren. Auch Harriet und Nancy haben sich nun unter die Mädge gemischt und werben bei den beiden Stief-Brüdern. Mit etwas Koketterie ist der Handel schnell beschlossen. Nun wollen die zwei Damen zwar aussteigen, doch der Richter bestätigt den Handel: Nancy und Harriet haben Lyonel und Plumkett zu gehorchen.
Notgedrungen nennt sich Harriet „Martha“ und Nancy „Julia“, um nicht erkannt zu werden. Denn würde auffliegen, dass zwei Adelige solche Spielchen treiben, wäre das Rufmord in der britischen Aristokratie.

Gezwungenermaßen folgen die Ladys den Hofbesitzern zu deren Hof. Die anfängliche Begeisterung der beiden Männer weicht schnell, als sie feststellen, dass „Martha“ und „Julia“ eigentlich zu gar nichts taugen. Im Gegenteil – die zwei Frauen verstehen es, die Männer selbst die Hofarbeit verrichten zu lassen. Während Plumkitt versucht, Nancy grob zu erziehen, schlägt Lyonel sanftere Töne an. Martha hat ihn ganz bezaubert.

Retter in der Not ist Tristan, der nachts die zwei Damen befreit und mit ihnen flieht. Auch wenn der Streich glimplich verlaufen ist, so hat es die vier Menschen doch bereits schwer erwischt. Auf einer Hetzjagd fliegt schließlich auf, dass Martha in Wirklichkeit dem Adel angehört und auch Nancy besseres gewohnt ist, als Wolle zu spinnen. Doch niemand ist bereit, sich zu binden oder gar Gefühle einzugestehen. So braucht es noch ein paar Diskussionen und etwas Hilfe von außen, ehe endlich das zusammen findet, was zusammen gehört.

Detailliert verträumte Inszenierung

Statt Reifrock und Pomp wird es klassisch edel mit historischen Elementen. Regisseurin Annette Leistenschneider und Bühnenbildner Andreas Becker erschaffen eine facettenreiche britische Welt mit filmischen Charme. Die Kostüme von Hans D. Zimmermann versteckten noch das ein oder andere Detail. Angelehnt an Filmstars und Gesellschaft des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts wirkt die Szenerie zwar märchenhaft, aber nicht kitschig. So lebt Lady Harriet  divenhaft in einem verspiegelten Haus, deren begehbare Kleiderschränke beneidenswert sind. Der Markt zu Richmond ist bunt, zwischen Fish n‘ Chips – Buden und britischen roten Telefonzellen tummeln sich allerlei Gestalten, unter anderem ist auch ein Sherlock Holmes daran interessiert, eine Magd abzuwerben.
Eine besondere Idee ist, eine Puppenspielerin auf der Bühne auftreten zu lassen, die mit zwei Marionetten von Harriet und Nancy nochmal das Geschehen unterstützt, oder der kleine Amor, der immer wieder um die vier Hauptpersonen herumschwirrt.

 

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Nancy (Camilla Lehmeier, g.l.) und Lady Harriet (Susanne Langbein g.r) haben sichtlich ihren Spaß mit Plumkett (Andreas Mattersberger, l.) und Lyonel (Joshua Whitener, r.)   Foto: TLT

Schön gestaltet ist die Jagdszenerie, in der die illustre Jagdgesellschaft (besonders die Damen) ihr Lied zur Jagd aufs andere Geschlecht anstimmt. Als am Schluss die Queen herself und Mary Poppins noch den Markt von Richmond unsicher machen, ist es endgültig ums Publikum geschehen.

Starke Besetzung mit viel Witz

Bei der Besetzung wird das genutzt, was das Haus hergibt und das ist Gott sei Dank sehr gute Qualität!

Susanne Langbein als Lady Harriet aka „Martha“ bezaubert in Audrey-Hepburn Manier das Publikum. Hohe Passagen trifft sie sie sicher und verständlich und wickelt mit ihrem Charme nicht nur Lyonel um den Finger. Sie weiß was sie tut und spielt solide ohne große Überraschungen. Harriet ist stur und widerspenstig wie die Erfolgsfrau von heute, die sich nicht so einfach binden will. Blöd, wenn die Gefühle eine andere Sprache sprechen. Das Publikum nimmt ihr die Lady ab, was immer wieder mit Zwischenapplaus quittiert wurde.

 

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Amor könnte gegen Langeweile helfen… (Camilla Lehmeier, Susanne Langbein)  Foto: TLT

Camilla Lehmeier spielt die kokette Dienerin Nancy, die im Duett ebenso wie im Solo mit schöner Stimmfarbe einen tollen Gegenpart zu Langbein gibt. Gekonnt meistert sie das Repertoire und gibt sich als vorlaut und frech und treibt damit Plumkett in die Verzweiflung.
Gastsänger Joshua Whitener gibt den jungen Gutsbesitzer Lyonel. Hervorragend gesungen, zeigt er sich teilweise ein bisschen sehr verzweifelt, dass ihn seine Martha so dermaßen versetzt hat. Später ist der Trotz stärker als die Liebe, ehe es zum Happy End kommt. Das Ego war eben schon vor 200 Jahren relativ groß.
Der junge Tenor zeigt sein Talent und wird der Rolle gerecht und erntet mehrere Male verdient Zwischenapplaus.

Andreas Mattersberger zählt wieder zur Hausbesetzung und spielt den Stiefbruder Plumkett. Wie der Rest gibt er eine sichere Partie und hatte einige Lacher auf seiner Seite. Wahrscheinlich hat sich der eine oder andere Herr in ihm wieder erkannt, zumindest meinte das der ältere Besucher in der Loge nebenan.
Lord Tristan von Mickleford wurde very scottish von Unnstein Arnason verkörpert. Fast schon Slapstick-artig huscht er um Lady Harriet herum und liest ihr jeden Wunsch von den Augen und wird widerwillig in ihr Spiel mit einbezogen. Immerhin schafft er es dann auch klammheimlich die Queen zu umgarnen, die in dem Stück eigentlich nicht vorkommt, aber als stumme Rolle immer wieder irgendwo auf der Bühne Präsenz zeigt.

 

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Amor macht auch vor Lord Tristan von Micklefort (im Bild Johannes Wimmer) nicht Halt. Foto: TLT

 

Aber was wären die Hauptdarsteller ohne den tollen Chor, der immer wieder zeigt, was in ihm steckt? Mit diversen Kostümwechseln und kleinen Persönlichkeiten, die den Markt von Richmond oder die Aristokratie unsicher machen, wird die Welt der „Martha“ noch einmal lebendiger.

 

Martha ist eine liebevoll inszenierte Oper, die einen beschwingt und gut gelaunt nach zwei einhalb Stunden entlässt. Schade, dass das Publikum dieses Schmuckstück nicht ganz so wahrnimmt, wie es gebührt.
Wer aber einen Frühlingsabend mit viel Schmunzeln und guter Unterhaltung sucht, wird in dieser Oper sicherlich auf seine Kosten kommen.

 
Tickets und Infos gibt es hier

Besetzungsübersicht:

Tiroler Symphonieorchester
Chor des Tiroler Landestheaters

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