Verrückte Theaterwelt – „Der nackte Wahnsinn“ im Tiroler Landestheater

Manche meinen ja, dass ich schon verrückt sein muss, ständig ins Theater zu laufen – Stimmt auch! Was für ein Wahnwitz sich allerdings hinter und auf den Brettern, die die Welt bedeuten, abspielen kann zeigt sich in Michael Frayns Komödie „Der nackte Wahnsinn“.

Wir Theatermenschen haben eine Schraube locker. Und da ist es egal, ob man als Darsteller auf der Bühne steht und singt, Karten verkauft oder am Bühnenbild bastelt. Etwas Verrücktheit braucht man für dieses Metier. Für das Publikum soll das alles natürlich trotzdem noch alles in einem gewissen Rahmen „normal“ wirken.
Das Werk feierte 1987 seine Österreichische Erstaufführung am Tiroler Landestheater. 31 Jahre später findet unter der Regie von Philipp Jescheck zurück ins TLT. In drei Akten zeigt sich dabei dem Publikum, was es in der Realität vielleicht gar nicht sehen will, was es aber umso komischer macht.

Drei Akte Farce und eine Axt

In „Der nackte Wahnsinn“ dreht sich alles ums Theater. Eine Schauspieltruppe will die Komödie „Nackte Tatsachen“ auf die Bühne bringen. Regisseur Lloyd Dallas probt wenige Stunden vor der Premiere den letzten Akt, in dem sich diverse Figuren in einem vermeintlich leeren Haus aufhalten. Da sie immer unterschiedlich die Zimmer wechseln sollen, ohne sich zu begegnen fordert dies einiges an Einsatz und Konzentration. Doch kurz vor Premiere fehlen entweder Zeitungen, Sardinen oder der Text.

 

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Die letzten Regieanweisungen helfen leider nur wenig.  (v.l. Ulrike Lasta, Ronja Forcher, Johannes Gabl, Antje Weiser, Andreas Wobig, Raphael Kübler)  Foto: TLT

 

Mittlerweile sind vier Wochen vergangen. Das Stück „Nackte Tatsachen“ tingelt durch diverse kleine Stadttheater. Während auf der Bühne alle noch irgendwie versuchen eine heile Welt zu spielen, sieht es backstage ganz anders aus. Die Darsteller reden nicht mehr miteinander, gehen buchstäblich mit der Axt aufeinander los und der Regisseur versucht sich klammheimlich an die Bühnenschönheit ran zu machen. Es beginnt eine wahnsinnige Hetzjagd hinter den Türen, in denen auch eine Flasche Whiskey keine unbedeutende Rolle spielt.

Schließlich endet die große Tournee von „Nackte Tatsachen“. Der Inspizient kündigt ein letztes Mal das bevorstehende Stück an, während es im Backstage-Bereich wieder hoch hergeht. Eigentlich sollte die Türen-Szene von „Nackte Tatsachen“ sitzen. Doch mittlerweile verheimlichen die Darsteller nicht mehr, dass irgendwas zwischen Generalprobe und Derniere mächtig schief gelaufen ist. Der nackte Wahnsinn bricht aus.

 

Wortwitz, Slapstick und rasantes Tempo

„Der nackte Wahnsinn“ eint gleich mehrere Arten der Komödie in sich. Allem voran ist es die Boulevard-Komödie, also Verwechslungspiele und Heimlichkeiten, die nur der Zuschauer kennt. Und davon gibt es viele: Die geprobte Szene an sich baut darauf auf. Doch auch die Ensemblemitglieder haben ihre kleinen Geschichtchen am Laufen, die der Geschichte nochmal extra Würze geben. Es wird versucht, eine Farce aufrecht zu erhalten, was am Ende natürlich total misslingt.
Ein weiterer Teil ist der Slapstick-Teil in diesem Stück. Gerade im zweiten Akt, der sich hinter der Bühne abspielt, entsteht so eine verdammt komische Hektik. Da werden Kollegen sabotiert, zwischendrin Blumen an die falsche Herzdame verschenkt, der alkoholkranke Schauspieler versucht, den Whiskey zu stehlen und dazwischen versuchen sich alle mit einer Axt gegenseitig auszuknocken. Natürlich müssen trotzdem alle immer wieder raus auf die Bühne, um dort eine heile Welt zu zeigen – pures geplantes Chaos.

Regisseur Philipp Jescheck hat bereits hier auf den Körpereinsatz seiner Darsteller vertraut. Treppauf und treppab leisten alle Schauspieler Höchstleistungen. Es wimmelt auf/hinter der Bühne und man weiß gar nicht so recht, wo man als nächstes hingucken möchte. Das ist überfordernd und komisch zugleich.

Das Bühnenbild wurde von Helfried Lauckner umgesetzt. Gerade bei „Der nackte Wahnsinn“ blieb Lauckner dabei nicht viel Freiheit. Es dominieren im Wohnzimmer eine Treppe und ein oberes Stockwerk mit mehreren Türen. Und es ist gewollt, dass die Türen „unlogisch“ angebracht sind (so befindet sich rein theoretisch eines der Zimmer eigentlich im Garten, wenn man vom Fenster untendrunter ausgeht). Doch genauso hat es Freyn in seinem Stück vorgeschrieben.

Auch die Darsteller setzen in ihren unterschiedli präsenten Rollen die Akzente richtig um von einem Gag in den nächsten zu stolpern, ohne dabei albern zu wirken.

 

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Antje Weiser als Dotty Oatley Foto: TLT

 

Antje Weiser als Dotty Oatley spielt routiniert im Ensemble und versucht irgendwie noch zu retten was zu retten ist. Weiser liegt diese Rolle denn zwischen „Schätzchen“ und fehlenden Sardinen zeigt sich eine gewisse Bissigkeit, die Dotty richtig sympathisch macht.

Den wohl meisten Körpereinsatz zeigt Raphael Kübler als Gary Lejeune. Starke Präsenz und wirklich schon fast stunthafte Stürze machten ihn schnell zu einem der Favoriten des Abends. Schon in anderen Stücken zeigte Kübler, dass er eben gern in die Vollen geht – ganz zur Freude des Publikums.

 

 

 

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Raphael Kübler, Ronja Forcher  Foto: TLT

Ronja Forcher spielt die (falsche) Bühnenblondine Brooke Ashton. Schon in Faust hat Forcher, die vorallem aus der Serie „der Bergdoktor“ bekannt ist, gezeigt, dass sie durchaus auch Talent für die Bühne hat. Die Figur Brooke hat außer gewissen Vorzügen, die sie zur Schau stellt, nicht viel Talent. Forcher meistert ihren Part und zeigt mit Witz und Spielgefühl, dass es auch Talent braucht, eine untalentierte Person zu spielen.

 

Als Frederick Fellowes zeigt sich Johannes Gabl als der ewig kritische, sensible und hinterfragende Darsteller. Eigentlich sei es relativ sinnfrei was er auf der Bühne täte. Gabl bleibt in seinen Mustern, der Rolle tuts keinen Schaden.

Belinda Blair aka Ulrike Lasta kennt die pikanten Details der Truppe. Sie mischt die Truppe auf und bringt mit Bissigkeit und Intriganz einen tollen Gegenpart zu Kübler/Weiser.

Eines der Schauspiel-Urgesteine, Michael Arnold, spielt Selsdon Mowbray, den langsamen alkoholkranken Schauspieler, der entweder seinen Einsatz, seinen Text oder beides vergisst. Die Jahrzehnte lange Bühnenerfahrung sowie Selsdons Charakter sind mit Arnold stimmig und gerade in seiner langsamen Art sorgte er in den hektischen Sequenzen für die lautesten Lacher.

 

 

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Tom Hospes, Andreas Wobig Foto: TLT

 

Fast schon normal und doch irre ist der Regisseur Lloyd Dallas, der von Andreas Wobig gespielt wird. Resignierend und auf ein Wunder hoffend spornt er die Truppe an, ehe er im zweiten Akt mit seinen Liebeleien erst mal richtig zum Zündstoff beisteuert. Routiniert und gut gespielt, an manchen Stellen hätte ich mir ein bisschen mehr Elan gewünscht.

In einer eher kleineren Rolle ist Tom Hospes als Inspizient Tim Allgood auf der Bühne. Dass Hospes tiefgehend und emotional spielen kann, hat er in Antigone und Geächtet bereits hervorragend gezeigt. Doch auch den hübschen, ein bisschen tapsig wirkenden lispelnden Tim gewinnt man sofort lieb, wenn er unfreiwillig wieder ins Gefecht zwischen den Darstellern gezogen wird. Auch aus einer kleinen Rolle wird so viel Liebe zum Detail herausgearbeitet.

Ebenso als kleine Rolle und mit viel Gefühl zeigt sich Johanna Paschinger als Regieassistentin Poppy Norton-Taylor. In eher kleineren Auftritten ist sie besonders im zweiten Akt besonders präsent, wenn sie versucht Brooke beiseite zu schaffen.

Simples Theater für den Kenner

„Der nackte Wahnsinn“ bietet unterhaltende Komik an einem Abend. Natürlich ist es kein Shakespeare oder Tschechow, dafür stellt es einmal das Wunder Bühne in den Mittelpunkt. Kein Wunder wurde das Stück weltweit höchst erfolgreich aufgeführt. Wer sich ein bisschen mit Theater auskennt und dafür interessiert wird den Charme, Witz und die Einlagen auch richtig zu verstehen wissen. So zeigt sich trotz der Kritik des vielen Türengepolters, dass Boulevard-Theater nicht unbedingt für Boulevard-Kritiker geeignet ist, wenn diese offenbar nichts davon verstehen.

Sehenswert, unterhaltsam und extrem lustig ist diese Stück eine tolle Komödie für den Sommer!

Und auch, wenn es manchmal im Haus ein bisschen turbulent zugeht, kann ich ganz beruhigt sagen: Den nackten Wahnsinn gibt’s in den professionellen Häusern zum Glück nicht – aber viele verrückte Menschen mit der Leidenschaft für die Bühne!

 

 

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Purer Wahnsinn hinter der Bühne (v.l: Johanna Paschinger, Antje Weiser, Tom Hospes, Andreas Wobig, Ronja Forcher)  Foto: TLT

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Besetzung:

 

 

 

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