Theater

Die Faszination an lebendigen Geschichten und diese den Menschen zu zeigen ist wahrscheinlich der Ursprung dessen, was wir heute Theater nennen.
Auf diesen Seiten findet ihr Rezensionen und Infos zu den klassischen Sprechtheaterstücken.

Geschichte des Theaters

Der Wunsch Geschichten und Gefühle lebendig wirken zu lassen war wahrscheinlich die erste treibende Kraft dazu, dass Menschen überhaupt Szenen vor anderen Menschen spielen. Die Faszination und Möglichkeit jemand anderes zu sein, eine neue Gefühlswelt zu erleben, das alles sind nur kleine Facetten der Schauspielkunst und des Theaters.
Tatsächlich hat die abendliche Theaterkultur seine Wurzeln tief in der Antike. Wie so oft war es Griechenland, aus deren Zeit und Kult erste Theaterwerke überliefert sind.
Einst aus religiösen Zeremonien heraus entstanden die Theaterrichtungen der griechischen Antike: Tragödie, Satyrspiel und Komödie.
Richtige Theaterstätten gab es zunächst nicht. Auf festen Plätzen wurden die Werke vorgetragen. Je nach Bekanntheit und Größe auch mit Chor und Tänzern besetzt.

Die Tragödie stellte die Dramen dar. Etwa Ödipus oder Antigone. Ein irdischer Charakter ist dem Willen der Götter ausgeliefert, er versucht sein Schicksal zu ändern, wird aber meist daran scheitern und stirbt oder mit Tod und Elend konfrontiert.

Das Satyrspiel nahm die Götterwelt selbst auf die Schippe und zog die Riten und Bräuche teilweise ins Lächerliche.

Bei der Komödie wurden alltägliche und lustige Dinge des Lebens thematisiert.
Anders als heute gab es keine tiefgreifenden Charaktere auf der Bühne. Die Darsteller waren zunächst alle männlich und stellten ihre Rolle durch Masken oder durch bestimmte Kleidungsmerkmale dar: Eine Prostituierte trug ein gelbes Schal, ein ängstlicher trug eine Maske mit offenem Mund usw. Damit sollten die Gefühl auch von der letzten Reihe aus gut sichtbar werden.

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Antike Theatermaske aus Neapel    Foto: Luciano Pedicini

Der Dionysos-Kult um etwa 500 v. Chr. brachte dann schließlich die große Beliebtheit von Schauspektakeln in Bewegung. Es wurden große Theater mit beeindruckender Architektur gebaut: Die Amphietheater waren in halbkreisförmiger Anordnung gebaut. Mit den Jahrhunderten wurden sie so adaptiert, dass auch Sonnensegel, unterirdische Gänge usw. hinzukamen. Die Akustik ist beeindruckend. Beim Amphitheater im französischen Orange (ich war selbst dort) kann man die Darsteller, selbst wenn man in der letzten Reihe auf den Tribüne sitzt, noch bestens hören. Ganz ohne Mikrofon und Verstärker.
Auch im römischen Reich erfreuten sich die Massenspiele bald größter Beliebtheit. Die Römer allerdings bevorzugten Komödien und Pantomime. Mit der schweren griecheischen Tragödie konnten sie nicht so viel anfangen. Dementsprechend sind auch fast nur römische Komödien überliefert und nahmen Einfluss auf die spätere Theatergeschichtschreibung. Denn schon wie in anderen Bühnengattungen war es wieder Italien in der die Kunst der Bühne ihre weiteren Bahnen legte. Während im Mittelalter sich die szenischen Darstellungen hauptsächlich auf biblische Motive beschränkte kam mit der Renaissance ab 1500 bald in ganz Europa die höhere Schicht auf den Geschmack der Spiele. Es waren Patrizier, Adelige und Fürsten, welche ab Mitte des 16. Jahrhunderts erste feste Theaterbauten errichten ließen und auch die ersten Ausbildungen von Schauspielern großzügig förderten. Die Wiederentdeckung der Antike trug dazu bei, dass alte Stoffe wiederaufgeführt wurden. Die Universitäten blühten auf. Dementsprechend wurden die alten klassischen Werke zunächst in Latein und Altgriechisch vorgetragen. Doch auch das einfache Volk fand Gefallen an den Spielen, worauf bald die Stücke umgeschrieben und in Italienisch vorgetragen wurden.

Der Spiegel der Gesellschaft auf der Bühne

Aus den komödiantischen antiken Stoffen entstanden bald zwei Formen in Italien: Die Commedia l’Eruditia und die Commedia dell’Arte 

Die Commedia l’Eruditia war mehr eine szenische Gesellschaftsdarstellung und wurde meist von Laien aufgeführt, die aber dem Adel angehörten. Die Schreiber waren meist Auftragsschreiber, die von Fürsten und der Aristrokratie bezahlt wurden, um standesgemäße Stücke zu schreiben, die dann bei Hofe meistens bei Festen oder anderen Gesellschaftsereignissen vorgeführt wurden. Es handelte sich meist um Lustspiele und Komödien, welche die höfische Gesellschaft satirisch aufs Korn nahm, ohne dabei die Haltung zu verlieren. Die Entwicklungsmöglichkeiten waren eben durch die Begünstigung des Adels und der allgemeinen Scheu offen zu kritisieren, sehr begrenzt. So entstanden bald starre Formen, wie einst in der Antike, welche sich allerdings auch dann auf andere Theaterrichtungen übertraen ließ: Es gab Verliebte, Junge und Alte, Liebesgeile und Untreue, Gute und Böse. Alles war sehr stereotypisiert.

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Commedia L’Erudita  Foto: Commedia.Klingvall.Com

Dazu entstand aber auch das Berufstheater in Italien. Die Commedia Dell’Arte hat bis heute einen hohen Stellenwert. Der venezianische Karneval wurde dadurch maßgeblich beeinflusst.
In der Commedia dell’Arte war man nicht an gesellschaftliche Regeln gebunden. Die Schauspieler nahmen festgelegte Rollen ein, die sie durch ihre Verkleidung festlegten. Die Handlung war eine Stehgreifkomödie mit einem leichten Rahmen, aber ohne roten Faden. Die Figuren handelten fast ausnahmslos nach dem Willen ihrer Triebe und das Ende des Stücks war meist unvorhersehbar und ohne Rücksicht auf Verluste. Die Schauspieler arbeiteten viel mit Pantomime und übertriebener Gestik, woraus sich später dann die Clownerie in den Zirkussen entwickeln würde. Dazu ergriffen die sehr stereotypen Figuren meist die Partei der Unterschicht und konnten somit den Aristokraten mächtig eins auswischen. Damit ließ ein europaweiter Erfolg nicht lange auf sich warten. Die fahrenden Truppen waren besonders dann in Spanien und Frankreich extrem populär. Die festgelegten Figuren sind teilweise bis heute noch bekannt: Das Harlekin entstand aus Arleccino, eine Art Clown, der stets fröhlich, frech und etwas dumm andere auf Korn nimmt.

Die Theaterqueen

In Großbrittannien war im 16. Jahrhundert die Hölle los. Henry XIII der seine Frauen hinrichten ließ, religiös begründete Kriege und Bürgerkriege, das Drama um Maria Stuart, das alles ließ das britische Volk nicht gerade positiv über den Adel sprechen.
Als Queen Elisabeth I den Thron bestieg musste sie dementsprechend erst einmal radikal in ihrem Land aufräumen und danach das Volk für sich gewinnen. Hinzu kam, dass die Queen eine leidenschaftliche Theaterliebhaberin war. Dementsprechend war es kein Wunder, dass sie die Kunst förderte, aber auch forderte. Für Schauspieler herrschte zu jener Zeit Hochkonjunktur. Es wurden erstmalig feste und große Theaterbühnen gebaut, in denen die Werke unzähliger Autoren teilweise mehrmals täglich aufgeführt wurden. Die Briten waren süchtig nach der neuen Unterhaltungsform.

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Im berühmten Globe Theatre passten bis zu 3000 Menschen rein und es war auch nahezu ständig ausverkauft.
Die Schauspieler mussten einiges leisten, denn oftmals wurden die Stücke täglich gewechselt, alle zwei Wochen kam eine Premiere. Das hieß, mehrere Rollen gleichzeitig auswendig können, plus neue dazu lernen.
Für Stückeschreiber waren die Zeiten übrigens nicht ganz so rosig. Denn Copyright existierte noch nicht. Wer sein Manuskript an ein Theater verkaufte, hatte auch jegliche Rechte daran verloren. Dementsprechend wurde darauf geachtet so wenig wie möglich an Schriftstücken herzugeben. Nur die finanzielle Not zwang die Autoren dazu. Allerdings hatten auch sie durch die Auftragslage großartige Ruhmeszeiten. William Shakespear etwa konnte nur durch die Förderung Queen Elisabeths I überhaupt erst seine ganzen Werke schreiben und veröffentlichen.
Die Rollen des elisabethanischen Theaters hatten schon mehr Tiefgang als die Commedia Dell’Arte. Aber Entwicklungsschübe oder gar Vielschichtigkeit war vergebens. Das Publikum musste sich aufgrund der Rasanz und der stets wechselnden Stücke schnell an Charaktere gewöhnen, ohne lange darüber nachdenken zu müssen, wer was ist.

Die Lehre der Bühnenwerke

Galt das Theater in der Renaissance noch als Unterhaltungswerkzeug, änderte sich die Ansicht darüber im Laufe der Jahrunderte. Mit dem Aufstreben des Bürgertums und der wandelnden Neuordnung der Stände wurde das Theater auch neu gewichtet.  Besonders um und nach der französischen Revolution sahen Schriftsteller im Theater die Möglichkeit, ihr Publikum neu zu erreichen. Es ging nicht mehr nur darum, eine gute Geschichte zu präsentieren, sondern auch den Zuschauern eine Lehre mit auf dem Weg zu geben. Gottfried Ephraim Lessing etwa war der Meinung, ganz im Sinne der Aufklärung, dass die Zuschauer durchaus auch vor der Bühne ihren Kopf anstrengen sollen und sich mit den Figuren identifizieren sollen. Erst dadurch können die Zuschauer auch etwas darüber lernen.
Die Lehren allerdings liefen immer in die gleiche Richtung. Ganz im Sinne des Bürgertums geht die Familie über alles, das Allgemeinwohl steht über dem eigenen Willen und man soll sich doch bitte tugendhaft benehmen und nicht irgendwelchen Spinnereien nachhängen. Statt übertriebener mimischer Darstellung wird nun Wert auf die Rede und das Wort gelegt.

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Gotthold Ephraim Lessing  Bild: Wikipedia

Lange Dialoge und Monologe sollen das Gefühlsleben der Bühnencharaktere offenlegen und zeigen, dass sie nachdenkliche und gebildete Personen sind. Aus dem Bürgerlichen Spiel heraus entwickelt sich dann auch die Deutsche Klassik – jener Zeitraum, in dem Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe ihre Werke veröffentlichten. Und nebenbei den Grundstein dafür legten, dass Deutschland als Land der Dichter und Denker gilt.
In der Deutschen Klassik dreht sich alles um die Einheit eines Stückes und auch wenn die vielen Figuren vielschichtiger angelegt sind, so haben sie zwar mehr Handlungsfreiheiten als die früheren antiken Figuren, sind aber ebenso einem Schicksal unterworfen.
Auch in der Schauspielkunst wurde nun mehr und mehr Wert auf Perfektion gelegt. Gerade Goethe war sehr akribisch, was die Ausstattung seiner Stücke anging. Bühnenbild, Kostüme und Schauspieler mussten eine Einheit in Harmonie bilden. Die Sprache und der Ausdruck der Darsteller wurde exquisit ausgebildet und wer sich als Schauspieler einen Namen machen konnte, dem wurden durchaus auch so manche Türen in höhere Kreise geöffnet. Auch in Österreich tendierten die Schauspieler dazu immer besser und höher anerkannt zu werden. Kaiser Franz Joseph II hatte zum Ende seine Lebens hin gar eine Affäre mit der Schauspielerin Katharina Schratt – die von seiner Gattin Elisabeth (Sissi) ihm zugeschanzt worden war.

Als das Stück schlechthin gilt Goethes Meisterwerk „Faust“. Der Protagonist muss sich mit vielen Stationen seines Lebens mit Liebe, Sucht, Glück und Verführung auseinandersetzen. Anders als die einst überzeichneten oder bewunderten Figuren, werden die Bühnenrollen mehr und mehr menschlich und nachempfindbar.

Mit Ende des 19. Jahrhunderts probierte sich das Sprachtheater in unterschiedlichste Richtungen aus. Parallel zu Kunst und literarischen Strömungen experimentierte das Theater mit Expressionismus, Impressionismus. Die Darstellende Form wurde abgewandelt, neue Visionen wurden auf der Bühne ausprobiert. Maßgeblich auch von politischen Ereignissen beeinflusst entwickelten die Stücke auf der Bühne eine neue Energie. Sie hielten der Gesellschaft einen Spiegel vor, zeigten mögliche Alternativen zur Wirklichkeit und spielten mit dem Gedanken um eine andere Zukunft.

Nach dem Ende des ersten Weltkriegs schien es, wollten die Bühnen mit aller Kraft eine neue Weltordnung bereits zumindest hinter dem Vorhang präsentieren. Die Menschen fassten neuen Lebensmut und so schaffte es das Theater, auch mit Aufkommen neuer Medien wie Kino und Radio zu neuer Beliebtheit.

Der Nationalsozialismus schob dem erst wieder einen Riegel vor. Das NS-Regime verlangte absoluten Gehorsam seiner Autoren. Die Stücke dienten alleine der Instrumentalisierung und Propaganda des Regimes. Experimente, Kritik oder gar Boykottierung des Regimes wurden absolut nicht geduldig. So wurden bei der Bücherverbrennung zahlreiche Autoren öffentlich angeprangert. Es blieb den Darstellern und Schriftstellern somit nichts weiter übrig, als sich zu fügen, mit dem Spielen und Schreiben aufzuhören oder das Land zu verlassen. Da die Regierung rund um Hitler auf Masseninszenierungen setzte, wurden an ehemaligen germanischen Kultstätten Theaterstellen errichtet, die bis zu 20.000 Zuschauer fassen sollten. Wie einst in der Antike sollten mit Chor, pompösen Einlagen und einem riesigen Aufgebot an Schauspieler die Massen begeistert werden. Da allerdings sich kaum wirklich solche Stücke umsetzen ließen war das Mitte der 30er Jahre gestartete Projekt zum scheitern verurteilt.

Die gute alte Zeit und der endlos Platz für Neues

Nach dem Krieg bemühten sich die Theatergesellschaften schnell darum, wieder ihren Raum für Stücke zu beanspruchen. Doch in einem Nachkriegsdeutschland war es erstmal schwer, wieder richtig Fuß zu fassen. Viele Theaterstätten waren entweder durch die Nazis oder durch Angriffe zerstört worden. Die Bürger hatten sichtlich besseres zu tun, als sich gesellschaftskritische Stücke anzusehen. Somit wurden nach dem Krieg erst in Turnhallen und anderen provisorischen Unterkünften wieder Stücke aufgeführt. Zurück gegriffen wurden auf klassische Dramen und Komödie von Goehte, Schiller aber auch aus der französischen Komödie. In einer Welt, die im Chaos versunken war und sich erst wieder ordnete wollten die Zuschauer keine weiteren Experimente auf der Bühne. Das geordnete Bild in Akten und Rollen half der Bevölkerung etwas Ablenkung zu verschaffen. Man musste nicht philosophieren, wie ein Charakter geschaffen war, das Ende war absehbar.
Auch Bauerntheater und Lokaltheater erhielten wieder einen neuen Auftrieb und erfreuten sich recht bald am Land großer Beliebtheit.

Erst nachdem das Wirtschaftswunder im Gange und die Gesellschaft wieder gefestigt war, begannen auch die Stückeschreiber und Schauspieler endlich wieder mit der neu gewonnenen Freiheit zu experimentieren. Besonders der neue Einfluss durch bessere Technik am Theater und Medien wie Fernsehen brachten vielfach neue Inspiration. Auch die Einflüsse der Alliierten wie etwa die Amerikaner brachten neue Bewegung in die einst festgefahrene Szene.

Heutzutage ist die Bühne im Sprachtheater kein festgelegter Ort mehr. Eine einschränkende Gattung wie „Tragödie“, „Komödie“ wird nur mehr selten genannt. So kann ein Drama durchaus komödiantische Elemente beinhalten. Aber auch die Widerspiegelung der Gesellschaft bietet durchaus humoristische MOmente.
Die Bühne wird auch nicht mehr mit detailgenauen Bühnenszenerien ausgestattet. Viel mehr ist sie eine Art Projektionsfläche, in der sich die Darsteller frei bewegen und die Fantasie des Zuschauers so frei wie möglich bleiben soll. Auch die festgelegte Rolle von Figuren weicht immer mehr und komplexeren  Handlungssträngen und Gedanken. Bewegung, Darstellung aber auch Text sind nun gleichermaßen wichtig für die Erzählung. Aber auch die Handlung ist längst nicht mehr nur ein roter Faden, sondern lediglich ein Leitsystem, in dem sich der Zuschauer dann selbst orientieren muss.

Wer gerne ausführliche Details zur Theatergeschichte wissen will, dem empfehle ich folgenden Link.